„Russland-Kontainer“ – Alexander Kluge erkundet das größte Land der Welt

Alexander Kluge erkundet Russland, 16.04.2020 artour, MDR Fernsehen

Es war, so sagt der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge, eher ein Zufall, dass im Frühjahr 1945 ein alliierter Bombenangriff seine Heimat Halberstadt fast vollkommen zerstörte. Eigentlich war ein anderes Ziel geplant, aber dort habe die schlechte Sicht das Bombardement unmöglich gemacht. Und so fiel Halberstadt. Kluge war damals 13 Jahre alt. Er hat alles in deutlicher Erinnerung. Seine Schwester Alexandra war 8. Zu der Katastrophe dieses Heimatverlustes kam noch ein familiäres Drama – Kluges Eltern ließen sich scheiden. Die Geschwister wurden getrennt – Kluge ging in den Westen, seine Schwester blieb im Osten und erlebte die sowjetische Besatzung. Aber offenbar hat Alexandra Kluge diese Jahre als inspirierend erlebt – eine tiefe „Russland-Liebe“ blieb bei ihr, so beschreibt es Kluge. 2017 starb seine Schwester im Alter von 80 Jahren. Ihr widmet Kluge jetzt sein Buch „Russland-Kontainer“.

Kluge begibt sich nicht als intellektueller Eroberer nach Russland, sondern als neugieriger Entdecker und Sammler. Bruchstücke findet Kluge: Fotos, Texte, Exotika, Kuriositäten, Unbekanntes – er erzählt von der Raumfahrt-Hündin Laika, von Heiner Müllers Russland-Beziehung, von Napoleons Untergang im Russland-Feldzug, von Gesprächen zwischen dem deutschen Philosophen Kant und der russischen Zarin Elisabeth. Scheinbar zusammenhanglos nebeneinander stehende Fundstücke ergeben beim Zurücktreten den Versuch des Autors, sich ein Bild zu machen von diesem Land, über das der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew schrieb: „Wo bist du, mein geliebtes Land? Gesucht, geahnt und nie gekannt?“


Vorschau:
Alexander Kluge: Russland-Kontainer

Nicht nur über eine derzeit umstrittene Pipeline, sondern auch über Jahrhunderte des Austauschs wie der Abstoßung waren und sind Russland und Deutschland einander so fern wie verbunden. Die politische Gegenwart scheint kritisch, die Zeichen stehen auf Konflikt und Polarität.

In dieser Lage macht Alexander Kluge Russland zum ausschließlichen Thema eines neuen Großbandes. In dezidiert poetischer Weise, nicht mit dem herrischen Willen zur Synthese, nähert er sich dem unermesslichen Terrain des größten Landes der Erde und der Mehrzahl seiner Seelen. Ihm geht es um den »ungeknechteten« Stoff, der dem Leser und den Materialien »die Freiheit lässt zu atmen«. Diese Freiheit realisiert sich in polyperspektivischer Darstellung: aus dem historisch geprägten Blickwinkel deutscher Patrioten der Befreiungskriege ebenso wie aus der erzählerischen Sicht eines Franz Kafka und eines Heiner Müller, aus messianischer Sehnsucht und utopischer Erwartung im 20. Jahrhundert, aus dem Rückblick auf vollendete und Beinahe-Katastrophen im Zeitalter atomarer Potentiale, aber auch – und möglicherweise vor allem – aus der dezidiert weiblichen Empathie einer Swetlana Alexijewitsch und der Russlandliebe seiner Schwester Alexandra: »In ihrem Auftrag schreibe ich dieses Buch.«

Geplantes Erscheinungsdatum: 18.05.2020

Mit vielen farbigen Abbildungen und bimedialer Anwendung
Gebunden, 444 Seiten, 34,00 €
ISBN: 978-3-518-42892-4

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Pressestimmen
Gen Smolensk. Alexander Kluges Buch über Russland ist assoziativ, überraschend, schlau – ein 400 Seiten währendes Lesevergnügen

der Freitag (Irmtraud Gutschke, Ausgabe 23/2020)

Die „Russland-Liebe“ seiner Schwester Alexandra (1937 – 2017) habe ihn zu diesem Buch inspiriert, bekennt Alexander Kluge. Beide wurden sie in Halberstadt geboren und gingen dort zur Schule. Alexandra allerdings wurde noch von der DDR geprägt und lernte Russisch, während ihr älterer Bruder nach der Trennung der Eltern mit der Mutter nach Westberlin zog und dort sein Abitur machte. Im Buch steckt also auch eine deutsch-deutsche Geschichte, allerdings viel mehr als das. Es ist kein Sachbuch über Russland, eine Streitschrift gar für bessere bilaterale Beziehungen, doch wer derlei sucht, kann auch das im „Kontainer“ finden, muss aber tief graben und für Zwischentöne aufmerksam sein. Denn nur so lässt sich Alexander Kluges Arbeit genießen: indem man seinen Assoziationen folgt. Indem man die abgezirkelten Wege rationaler Festlegungen verlässt, diesen umzäunten Gedankenpark, wo alles voraussehbar scheint wie in einem altbekannten Film. Raus aus diesem Szenario! Ins Weite, ins Unbekannte.

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Kann man mit Viren Frieden schließen?

Süddeutsche Zeitung (Interview von Lothar Müller, 17. April 2020, Abo)

„Nach wie vor liebe ich die Buchstaben am meisten, wenn es um lineare Verknüpfungen geht“: Alexander Kluge in seinem Arbeitszimmer in München bei der Sichtung von Material für sein Buch „Russland-Kontainer“.

Ein Gespräch mit Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge über das Frühjahr 1945, sein neues Buch „Russland-Kontainer“ und die Viren, mit denen der Mensch sich genetisch verbündet hat.

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(Foto: Matthias Ziegler)