Neu auf dctp.tv: An den Grenzen des Filmischen

Zum 70-jährigen Bestehen der Berlinale wird der komplette erste Jahrgang des Berlinale Forum von 1971 wiederholt. Es werden Filme von Luchino Visconti, Chris Marker, Nagisa Ōshima, Rosa von Praunheim, Theo Angelopoulos, Helke Sander, Danièle Huillet und Jean-Marie-Straub und Alexander Kluge gezeigt. Die Sektionen „Forum“ und „Forum Expanded“ stehen für Reflexion des filmischen Mediums, gesellschaftlich-künstlerischen Diskurs und ästhetischen Eigensinn. Mit einigen dieser Filmemacherinnen hat sich eine fruchtbare Zusammenarbeit entwickelt.

Eine lose Sammlung an Sendungen mit FilmemacherInnen, die sich an den Grenzen des Filmischen bewegen, widerständige Perspektiven einnehmen und für Avantgardistisches und Experimentelles stehen.

► An den Grenzen des Filmischen (17 Filme)


► „Tagesnotizen, Soziodramen und Protokolle“

Eine junge Mutter weiß nur noch einen Ausweg: Um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen, besteigt sie mit ihren Kindern einen Hochkran. Sie droht sich herunterzustürzen, wenn die übermütigen Ämter ihrer Not nicht abhelfen. Eine Tagesnotiz in der Zeitung, verfilmt von Helke Sander. Harun Farocki beschreibt in der Form eines Soziodramas eine Ausbildungsstunde der Polizei: Wie wird der soeben festgenommene Verdächtige korrekt betastet? Ein weiterer Film von Helke Sander, genannt „Protokolle der Wach- und Schließdienste Nr. 8“, behandelt einen unheimlichen Vorfall, in dem die Täterrollen während eines Verbrechens vertauscht werden.


► „Das Gesicht meines Vaters“

Nagisa Oshima ist ein berühmter, japanischer Regisseur („Goldener Löwe“, Venedig). Sein Film „Im Reiche der Sinne“ zeigt eine Kastration und war in Japan nur mit „Wolken“ und „Balken“ zu sehen. Sein Film „Die Erhängung“, sowie sein Film über die Studentenbewegung in Japan sind rebellische Produkte. Nagisa Oshima stammt aus einer Samurai-Familie, die die Insel Tsushimia jahrhundertelang regierte. Sein Vater, ein junger Verwaltungsbeamter, der eher der parlamentarischen Tradition als der modernen, militärischen zugeneigt war, starb, als Oshima 4 Jahre alt war. In dem Magazin geht es u.a. um die Rekonstruktion der japanischen Geschichte, die vor Oshimas Geburt (1932) liegt. Oshima selbst hegt Vermutungen über die politische Einstellung seines Vaters. Er schließt aus den Büchern, die dieser besaß, auf dessen Meinung. Das Gespräch, das der Filmkritiker Klaus Eder und Alexander Kluge mit Nagisa Oshima führten, sucht nach dem Bild dieses Vaters. Eine interessante Ergänzung, nachdem Oshima in seinem jüngsten Film seine Mutter und seine Geburtsstadt Kioto portraitiert. Es erweist sich, dass der Vater so wie Oshima selbst ausgesehen haben muss, dass Oshima, wäre der Krieg zugunsten Japans ausgegangen, heute ein hoher Verwaltungsbeamter oder General wäre und dass Oshima Botschaften seines Vaters ausführt, u.z. Botschaften rebellischer Natur. Ähnlich wie Deutschland hat Japan sog. „Weiße Jahrgänge“. Solche „Weißen Jahrgänge“ sind dadurch charakterisiert, dass der Lebenslauf durch das Ende des 2. Weltkriegs geschnitten wird. Jahrgänge dieser Art gehören weder zu der Zeit davor, noch zu der Zeit danach ganz; sie sind aber auch von keiner dieser beiden Zeiten abzutrennen. Das gilt für Nagisa Oshima, geb. 1932, ein Rebell, weil er von keiner Zeit ganz geprägt ist, ein Mensch der Umbruchszeit.


► Gier nach Leben

Als Remake eines berühmten deutschen Films, hat Christoph Schlingensief eine Schicksalstragödie um Liebe, Leben, Krankheit und Tod geschaffen. Helge Schneider in der Rolle des „bösen Bruders“; eine von einer Tropenkrankheit gezeichnete junge Frau, Pferdeliebhaberin, ihr Name kann wie Els oder wie Aids ausgesprochen werden, liebt bis zu ihrem Tod einen jungen Mann: Willi, den Bruder des „bösen Bruders“. Hauptperson aber ist die Mutter dieser Brüder. Sie trug auf einem Karneval eine Maske. Der turbulente Film trägt daher den Namen: „Mutters Maske“. Alle handelnden Personen, einschließlich der Pferde, bewegt ein ähnliches Motiv: Gier nach Leben. Ein spannendes und unterhaltendes Filmmagazin mit Helge Schneider und von Christoph Schlingensief.


► Der Tod von Admiral Yamamoto

Admiral Yamamoto gilt im kriegerischen Japan von 1941 als Nationalheld. Der amerikanische Kriegsminister Knox setzte alle Spionagehebel in Bewegung, um eine Gelegenheit zu finden, diesen Befehlshaber der modernen japanischen Flotte umzubringen. Bei einem Flug legten amerikanische Jagdflugzeuge dem Admiral einen Hinterhalt. Die Totenfeier auf dem Gelände des Kaiserlichen Palastes markiert den Höhepunkt des japanischen Krieges in Asien und im Pazifik. Nagisa Oshima, der berühmte japanische Spielfilmregisseur, hat in seiner Dokumentation „Daitoa senso“ („Der große Ostasien-Krieg“) Yamamoto ein Denkmal gesetzt. Er berichtet.


► Portrait Theo Angelopoulos

Theo Angelopoulos ist einer der angesehensten Filmregisseure in Europa. Den Durchbruch erzielte er durch seinen Film „O Thiassos“ (Die Wanderschauspieler). Sein neuester Film „Der Blick des Odysseus“, der jetzt in die deutschen Kinos kam, erhielt in Cannes den Preis der Filmkritik und den Jury-Preis für Regie. Theo Angelopoulos, 1935 geboren, war sechs Jahre alt, als er 1941 dem ersten deutschen Soldaten begegnete. Die deutsche Heeresgruppe F besetzte damals Athen. Weinachten 1944 zog die deutsche Besatzungsmacht ab und Griechenland geriet in einen Bürgerkrieg zwischen der königstreu-britischen Partei und der politischen Linken. Von diesen Ereignissen 1941 und 1944 handeln die Filme von Theo Angelopoulos. In seinem neuesten Film kehrt der U.S. – Star Harvey Keitel, der einen griechischen Regisseur spielt, in seine Heimat zurück. Er sucht nach verschollenen Bildern zweier griechischer Filmpioniere aus dem Jahr 1902. Er gerät in den Kessel von Sarajevo. Im Kern erzählt aber Angelopoulos seine Version der Odyssee, versetzt in die Gegenwart. Für den Regisseur Angelopoulos sind Troja und der Blick des Odysseus ebenso Gegenwart, wie die Umwälzungen in Rumänien oder das Sarajevo von heute. Er gilt als einer der letzten poetischen Realisten. Er selbst nennt sich einen „Archäologen“ bezogen auf Film.


► Weltmacht Staub

Staub nennt man „Materie am falschen Ort“. Tatsächlich ist Staub ein unwiderstehlicher Zustand der Auflösung am Anfang und am Ende aller Dinge und Lebewesen. Staub ist eine Weltmacht! Von diesem Zustand der Materie handelt der Film STAUB von Hartmut Bitomsky, der auf internationalen Festivals starke Resonanz erhielt. Hartmut Bitomsky über die „Weltmacht Staub“.


► Brutalität in Stein

Ein Film über das Parteitagsgelände in Nürnberg. Kluges erster Film. Eine Zusammenarbeit mit Peter Schamoni.

 
 
 
 
 


► Der Tausch Fleisch gegen Grütze

Vor mehr als 100.000 Jahren, nämlich in Zeiten, aus denen das Skelett von Luzie, unserer Urmutter stammt, lebten die weiblichen und männlichen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft in ursprünglicher Koexistenz. Die allein jagenden Männer brachten Fleisch zu den Orten, an denen die Frauen mit ihren Kindern siedelten und erwarben sich Sympathien, die der Fortpflanzung dienten. Im Austausch für das Fleisch erhielten sie Körner (Grütze). Wenig später muss eine soziale Katastrophe stattgefunden haben. Sie ist wie ein nuklearer Brennstoff in die Menschheit eingelagert. Diese ursprüngliche Krise, sagt die Filmemacherin Helke Sander, ist der innere Grund für Krieg, sexuelle Gewalt und sprichwörtliche Nicht-Eignung des Menschengeschlechts zu dauerhaftem Glück. Ein Einruck, der sich nach den Revolutionen in Osteuropa vertieft. Helke Sander, die 32 Filme herstellt hat, berichtet zu dieser Langzeitwirkung alter Konflikte. Sie beschreibt das „gesellschaftlich Unbewusste“. Im Gegensatz zu Sigmud Freuds psychologisch Unbewusstem gebt es für das gesellschaftlich Unbewusste keine Forscher und Analytiker. Die Feministin und Filmemacherin hat mit ihrem dreistündigen Film über Vergewaltigung von Frauen im 2. Weltkrieg und durch ihren neuesten Film über sexuelle Gewalt gegen Frauen im ehemaligen Jugoslawien Aufsehen erregt. Bei endgelagerten Konflikten, sagt Helke Sander, ist es immer folgendermaßen: sie führen ein ewiges Leben, gerade wenn und weil man nicht an sie denkt.


► Vergewaltigung von Frauen im Krieg

Die Filmemacherin Helke Sander hat eine 3-stündige Filmdokumentation über die Vergewaltigung an Frauen bei der Besetzung Deutschlands im 2. Weltkrieg veröffentlicht. Dieser Film ist heftig diskutiert worden. Jetzt hat Helke Sander mit ihrem Team Frauen im ehemaligen Jugoslawien befragt. Es ergibt sich eine erschütternde Bestätigung, in welcher Weise der Krieg Gewaltpotentiale gegen Frauen auf sexuellem Gebiet freisetzt. Diese Gewaltsamkeit ist, sagt Helke Sander, jedoch offensichtlich bereits in den Friedenszeiten angelegt und wird jetzt durch den Krieg öffentlich.


► Der Mensch ist eine Bombe

Wir treffen Christoph Schlingensief inmitten der Dreharbeiten zu seinem Projekt U-3000. Die Anstrengung hat ihn erschöpft. Eine gute Atmosphäre für ein Gespräch. Oft wird in der Öffentlichkeit, sagt Christoph Schlingensief, nach Bomben gesucht, die Terroristen versteckt haben. Vielleicht aber, fragt Schlingensief, ist der Mensch selbst eine Bombe? Die Show U-3000 von Christoph Schlingensief findet in einer fahrenden U-Bahn statt. Von Endstation zu Endstation. Ein ruhiges Gespräch mit Christoph Schlingensief in einem Augenblick geglückter Erschöpfung. Unterhaltend und metropolitan.


► „Brecht die Macht der Manipulateure“

Ein Film von Helke Sander

 
 
 
 
 
 
 


► Ich bin in 1. Linie Filmemacher

Christoph Schlingensiefs künstlerische Installation im Museum der Moderne in Salzburg mit dem Titel „Hodenpark“ erregte die Gemüter. In Bayreuth inszenierte der Künstler zum dritten Mal Wagners PARSIFAL. Im Kern aber ist Schlingensief, wie er selbst sagt, Filmemacher. Jetzt wurde der radikale Meister nach New York eingeladen, ins Museum of Modern Art. Begegnung mit Christoph Schlingensief.


► „Ich rieche Menschenfleisch“

Christoph Schlingensief hat mit seinem Film „Das deutsche Kettensägen Massaker“ fast als einziger deutscher Filmemacher mit dem nötigen Biss auf die Wiedervereinigung reagiert. Einer der Hauptdarsteller des Films, Alfred Edel, und Schlingensief selber führen in das bemerkenswerte Werk ein: „Ich rieche Menschenfleisch“.
 


► „Plötzlich bemerkte ich das Hundegesicht meiner besten Freundin“

„Schlacht um Europa – Ufo 97“, „die 120 tage von Bottrop“, „Bring mir den Kopf von Adolf Hitler“, „100 Jahre CDU“ „Das Deutsche Kettensägen-Massaker“, „Terror 2000“ und viele anderen Titel kennzeichnen die Leistungskraft von Christoph Schlingensief. Seine Revuen publiziert er in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Schlingensiefs kämpferischer Geist konzentriert sich auf Europa, den Standort Mülheim im Ruhrgebiet (von dorther stammt er) und auf die Zukunft des Trashs. In einem entscheidenden Moment seines Lebens hatte er eine Vision: „Plötzlich sah ich, dass meine beste Freundin ein Hundegesicht hatte…“.


► Der wahre Erbe der Guldenburgs

In einem verwunschenen Schloss gerät ein Liebespaar unter Avantgarde-Forscher des neuen deutschen Films. Die Erlebnisse sind schrecklich. Der Film ist nach dem riesenhaften Krater eines Meteors benannt, der in Vorzeiten in Sibirien einschlug. Einer der Hauptdarsteller ist die Kultfigur Alfred Edel. Der Regisseur Christoph Schlingensief gilt als Anhänger des theatralischen Kinos. Der Zugang zum Lustgewinn, sagt er, darf durch Kunst nicht verstellt werden. Man nennt Schlingensief, der in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin auch Theaterstücke wie „100 Jahre CDU“, „Bring mir den Kopf von Adolf Hitler“ und neuerdings „Rocky Dutschke, 68“ inszeniert, den „Wahren Erben der Guldenburgs“.