Zum Tod von Michael Gielen

Michael Gielen, Adorno-Preisträger, Dirigent und langjähriger Intendant der Frankfurter Oper, ist am 08. März gestorben. Vor Hitlers Häschern mußte er als junger Mann nach Argentinien fliehen. Mit seiner legendären Intendanz der Frankfurter Oper setzte er, in die Bundesrepublik zurückgekehrt, ein singuläres Beispiel für Modernes Musiktheater. Was „Orchesterperspektiven“ sein können und wie man Musiktheater mit den Mitteln des Films verbinden kann, habe ich von ihm gelernt. In dem Kulturmagazin „Das Tempo ist das A und O“ sieht man Michael Gielen an der Arbeit bis in die jüngste Zeit. Michael Gielen ist das Äquivalent der „Frankfurter Kritischen Theorie“ in der Musik.
Ein Mann des 21. Jahrhunderts!

In großer Trauer
Alexander Kluge

► Das Tempo ist das A und O (News & Stories vom 05.03.2006)


Sehen Sie dazu auch auf dctp.tv

► Bernd Alois Zimmermanns “Die Soldaten”

Die Uraufführung dieser Oper wird im Jahr 2015 ihr 50-jähriges Jubiläum feiern. Diese Uraufführung unter dem Dirigenten Michael Gielen gilt als legendär. Seither ist immer wieder versucht worden, dieses Werk in neuen Inszenierungen zu erforschen.

Überragend ist davon die neueste Premiere der Bayerischen Staatsoper in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg. In der Hauptrolle der Marie: die überragende Barbara Hannigan. Eine Spitzenleistung bringt der Generalmusikdirektor Kirill Petrenko mit dem Bayerischen Staatsorchester.

Diese Premiere ist Mitursache dafür, dass die Bayerische Staatsoper unter der Staatsintendanz von Nikolaus Bachler zur “Oper des Jahres 2014” gewählt wurde.


► Das Kraftwerk der Gefühle (Exzerpt, sous-titrée)

Der Komponist Luigi Nono lehrt uns, dass man die filmischen Methoden, also Totale, Großaufnahme, Montage auch auf Musikaufnahmen anwenden soll: daher Orchesterperspektiven mit Michael Gielen. So zeigt man, sagt Nono, Fragmentierungen, die die besondere Qualität von Richard Wagner kenntlich machen.
 
 
 


► Projekt: Wahrheitspolitik

Die Kritische Theorie, auch Frankfurter Schule genannt, ist die letzte zusammenhängende Theorie im 20. Jahrhundert. Sie setzt sich mit der Massenmobilisierung des Faschismus und dem massiven Zerstörungs-potential des 20. Jahrhunderts auseinander. Wie kommt es, daß Menschen gerade in der Krise ihr eigenes Interesse so wenig wahrnehmen können und sich politisch und emotional gerade denjenigen Kräften anvertrauen, die die Krise für sich ausnutzen? Die Kritische Theorie versteht sich als PROJEKT WAHRHEITSPOLITIK. Alex Demirovic hat in seinem Buch DER NICHT-KONFORMISTISCHE INTELLEKTUELLE / DIE ENTWICKLUNG DER KRITISCHEN THEORIE den langen Marsch der Kritischen Theorie (Max Horkheimer, Th. W. Adorno, W. Benjamin u.v.a.) rekonstruiert. Sie beginnt 1919 unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs und der Revolution. Schon 1932 sieht der Brain-Trust der Frankfurter Schule den Machtwechsel in Deutschland voraus und sichert das Institutsvermögen. In Paris und in den U.S.A. ihre Arbeit an neuen Schwerpunkten fort. Berühmte Werke wie DIALEKTIK DER AUFKLÄRUNG, AUTORITÄT UND FAMILIE, MINIMA MORALIA und das PASSAGENWERK zeugen vom Reichtum ihrer Gedanken. Einige der Gelehrten haben hohe Positionen im U.S.-Geheimdienst. Nach 1949 kehrt die KRITISCHE THEORIE nach Frankfurt zurück. Einige ihrer Text gehören 1967 (unter Mißverständnissen) zum Schriftgut der Protestbewegung. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat bei der von ihm entfachten Diskussion über “Plato und die Menschen-züchtung” vom Ende der Kritischen Theorie gesprochen. Das Buch von Alex Demirovic dokumentiert die Antwort. Die Kritische Theorie, sagt Demirovic, wird solange leben, wie sie nicht eingelöst ist.