Neu im Catch-up Service: Calvin versus Luther

Dr. Görge Hasselhoff: Der Weg von der Genfer Kirchenzucht zu den Idealendes Westens

Der Genfer Reformator Johannes Calvin, Franzose und ursprünglich Jurist, bildet innerhalb der Protestantischen Bewegung neben der Partei Luthers eine zweite, in Fragen des Abendmahls verschiedene und in der Art der Kirchenzucht von Luther abweichende Partei. Schon vor ihm hatten sich die Gegensätze der Schweizerischen Reformation gegenüber der Wittenberger im Marburger Religionsgespräch als unüberwindbar erwiesen. Für Calvin ist – wie für Luther – Gott unbestechlich. Über Luther hinausgehend aber geht Calvin davon aus, dass Gottes Gnade willkürlich und im Voraus über die Menschen verteilt ist. Eine Ahnung davon, wen er liebt, lässt sich unter Umständen daraus erkennen, dass ein Mensch auf Erden durch Glück oder Vermögen belohnt wird.

Die Calvinsche Doktrin und Genfer Kirchenzucht besaß radikale Züge. Es gibt dort Hexenprozesse und die Verurteilung eines Arztes und Theologen zum Feuertod wegen abweichender theologischer Auffassung. Auf der anderen Seite haben sich die Calvinschen Ideen über die Niederlande, über Schottland und die englische Bewegung des Puritanismus in der Welt ausgebreitet und sind mit den Pilgervätern in die U.S.A. eingewandert. Stark modifiziert bilden sie dort ein wesentliches Stück im Selbstbewusstsein der U.S.A.: hohe Moralität und Freiheitsgedanke sind durch Calvins Lehre und Haltung gestützt.

Wie eng Reformation und Gegenreformation in ihren Wurzeln miteinander Verbindung hatten, zeigt sich darin, dass Ignazio von Loyola, der Protestant unter den Katholiken und Johannes Calvin, der Orthodoxe unter den Protestanten, gemeinsam an der Universität Paris studierten.

► Calvin versus Luther (10vor11, Sendung vom 13.02.2017)


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► Das Böse ist ein Defekt des Guten

Das Böse ist ein Nichts, heißt es bei dem großen Scholastiker Thomas von Aquin. Das Böse ist eine Mangelerscheinung. In einem anderen seiner Kommentare heißt es: Der Schmerz führt uns Menschen, er ist der Navigator. Die Schweizerin Pamela Macconi ist Spezialistin für das enorme Werk des Thomas von Aquin.


► Das Gerücht vom Bösen

Ein Aufsehen erregendes Buch von Wolfgang Wippermann hat den Titel “Agenten des Bösen: Verschwörungstheorien von Luther bis heute”. Was sind die Quellen für die Verschwörungstheorien, die immer erneut auftauchen? Diese Quellen finden sich dort, wo auch die Brutstätten des Fundamentalismus liegen. Verschwörungstheorien werden von den Tätern, nicht von den
Opfen entwickelt. Sie haben ein zähes Leben. Sie beruhen auf Mentalitäten. “Mentalitäten sind Gefängnisse von langer Dauer.”

Der Historiker Prof. Dr.Wolfgang Wippermann über das “Gerücht vom Bösen”. Die meisten Verschwörungstheorien beruhen auf Gerüchten.


► Etwas haben, worauf das Herz ganz vertraut

Unter Heinrich VIII., der von seinen acht Frauen zwei durch das Beil umbringen ließ erlebte England seine Reformation: die Klöster zugunsten der Krone enteignet, Loslösung von Rom, „Brexit Englands in Glaubensfragen“. Für die Reformation in Deutschland war der König ein Verbündeter. Er schrieb aber auch ein Pamphlet in lateinischer Sprache gegen Einzelpunkte des lutherschen Bekenntnisses. Als junger Mann galt Heinrich VIII als hübsch, etwas platte Nase, rank, schlank und wendig. Als alter Mann war er verschrien als der „Nero Englands“ (Melanchthon), unmäßig fett, Diabetiker, unheilbare Wunde am Bein, die stank, ein Vielfresser, der sich nicht mehr bewegen konnte. Die letzte Ölung versäumte er, weil er vorher noch ein Schläfchen halten wollte. Einen rechten Frieden mit Gott hat er nicht geschlossen.

Der Reformator Martin Luther reiste in der Zeit vor seinem Tod in seine Geburtsstadt Eisleben. Immer schon saß ihm der Satan im Gedärm. Das alles drückte auf sein Herz: am Ende Herzinfarkt. Seine Getreuen waren um ihn, auch um als Zeugen den katholischen Gerüchten entgegen zu treten, der Teufel habe zuletzt den Reformator geholt. Letzte Worte lagen als handschriftliche Notiz Luthers in seinem Zimmer. Sie zeigen sein tiefes Vertrauen in seinen Glauben. Ein Mensch muss etwas haben, „worauf das Herz ganz vertraut“.

Die so verschiedenen Todesstunden des englischen Königs, eines Reformators und Martin Luthers, eines Reformators von ganz anderem Formt, hat die Historikerin Sabine Appel eindrucksvoll gegenübergestellt. Es sind zwei Tode von unterschiedlicher Würde.


► Am Puls der Reformation

Die moderne Forschung hat das Schwarz-Weiß-Bild von der Reformation, wie es im 19. Jahrhundert gemalt wurde, stark verändert. Auch vor der Wende von 1517 existierte auf beiden Seiten die einander nach der Reformation gegenüberstanden, eine starke spirituelle Vielfalt. Tradition und Umbruch erweisen sich als stärker verschränkt als es der bisherigen Darstellung entspricht.

Auch Luther verhielt sich anfangs dialogisch. Einige der ihm zugeschriebenen apodiktischen Handlungen und Worte, z.B. der Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg und das ihm zugeschriebene Wort auf dem Reichstag: “Hier stehe ich, ich kann nicht anders!” sind keineswegs verbürgt.

In zwei Jahren werden die Medien der 500. Wiederkehr der Reformation gedenken. Das Bild, das Luther, Calvin, die Marburger Religionsgespräche und der provisorische Religionsfrieden von 1555 zeigen, wird dadurch, dass es sich als differenzierter erweist, für uns und die Gegenwart umso interessanter.

Prof. Dr. Volker Leppin, evangelischer Theologe und Kirchengeschichtler, über das Auseinanderdriften der Christenheit vor 498 Jahren.


► Wenn es Gott gibt, warum gibt es dann das Böse?

Für die holländische Republik, die sich im 16. Und 17. Jahrhundert in einem 80-jährigen Krieg mit Erfolg gegen das religiös-doktrinäre Spanien verteidigt hat, ist die Unterscheidung zwischen GUT und BÖSE von elementarer Bedeutung. Sie gehört zur geistigen Verteidigung. In seinen Überlegungen stützt sich der Theologe und Arzt Willem de Haanstraat sowohl auf Thomas von Aquin wie auf den zeitgenössischen Denker Spinoza (“Was nutzt das Denken, wenn es keine Lust macht?”). Das Böse, stellt de Haanstraat fest, ist ein Defizit des Guten. Es bleibt aber die Frage offen: Woher kommt das Böse, wenn es Gott gibt? Hat er es mit geschaffen? Oder gibt es das Böse nicht wirklich?
Peter Berling als Willem de Haanstraat.