Neu im Catch-up Service: Was bedeutet 12-Ton-Musik

Wladimir Jurowski über Planwirtschaft und Genie in Arnold Schönbergs Oper MOSES UND ARON

Die wohltemperierte Tonleiter knechtet die Einzeltöne. Von Natur her sind die Töne, je nach Instrument, sehr verschiedenartig. In dieser Individualität werden sie durch die Einteilung in Oktaven gleichgeschaltet und zugleich hierarchisiert.

Die modernen Komponisten haben hiergegen rebelliert. Eine der Neuerungen war die Atonalität, der Ungehorsam gegen jegliche tonale Hierarchie: es gibt keine Haupt- und Nebenstraßen der Töne. Arnold Schönbergs 12-Ton-Technik ist eine der radikalsten Rebellionen: sie demokratisiert gewissermaßen die Töne, macht sie alle gleich wichtig und sortiert sie zu höchstmöglicher Innovation. In dieser Technik gelangen Schönberg selbst und einigen seiner Anhänger wie Alban Berg Geniestreiche. Die Methode hat aber auch eine planwirtschaftliche Komponente. Sie setzt gegen den Schematismus der Tonalität einen neuen Schematismus.

Wladimir Jurowski dirigierte an der Komischen Oper Berlin Arnold Schönbergs Oper MOSES UND ARON. An Beispielen aus dieser Aufführung erläutert er die 12-Ton- Musik. Wer die musikalische Moderne des 20. Jahrhunderts verstehen will, sollte die Öffnung, die Schönbergs Prinzip herstellt, kennen.

Begegnung mit dem Dirigenten Wladimir Jurowski.

► Was bedeutet 12-Ton-Musik (10 vor 11, Sendung vom 25.07.2016)


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► Der wilde Atem der Musik

button-der-wilde-atem-der-musikSeit die Menschheit das Feuer erfand und sich in den Höhlen unserer Vorfahren auf diese Weise nachts Wärme verbreitete, entstanden auch die Sprache und die WILDE MACHT DER MUSIK. Kürzlich wurde auch der Kadaver eines Mammutbabys aus der Eiszeit ausgegraben und in der eisigen Kälte frischgehaltene Fleischstücke der japanischen Küche zugeführt.

Helge Schneider verbindet solche Urwelteindrücke mit der robusten Gegenwart. Er tritt auf als Chefdirigent eines der hervorragendsten Orchester Europas, am Mook-Synthesizer, als Kaiser Nero und in weiteren Rollen. Überall aber geht es um Musik: von der Altsteinzeit über Monteverdi bis zu Sir Simon Rattle.


► Musik entsteht aus dem Lauschen des Jägers

button-musik-entsteht-aus-dem-lauschen-des-jagersEs geht um Musik aus der Ferne, “unsichtbare Musik” (weil man die Musiker nicht sieht) und um Beschleunigung in der Musik. Zwischen Gottes Wort in der Antike, von unsichtbarer Musik begleitet und dem Radio in der Moderne liegt die ganze Bandbreite der Kulturgeschichte von Ohr und Auge. Diese beiden Sinne gelangen zu ihrer Höchstform, sobald man sie zu trennen versucht. Dann streben sie nämlich zueinander.

Dr. Martin Kaltenecker, Wissenschaftskolleg zu Berlin, über “unsichtbare Musik”.


► Musik ist meine Republik

button-musik-ist-meine-republikSind das Ohr, die Sprache und die Musik Ur-Organe des Menschen? Wie verhalten sie sich zum Auge? Wie würde man einem Außerirdischen erklären, was eine Oper ist? Was weiß man über den Ursprung der Oper?

Begegnung mit Nikolaus Harnoncourt.


► Die Ohren sind ein Hirn für sich

button-die-ohren-sind-ein-hirn-fur-sichSeit der Antike begleitet die Musik die menschliche Erfahrung. Dabei besitzt sie, sagt der Harvard-Professor John T. Hamilton, eine glückliche, tröstende und eine unheimliche Seite. Darüber arbeitet er in seinem Projekt “Musik und Wahnsinn”.

Da, wo die Sprache aufhört, beginnt die Musik. Dort, wo die Begriffe nicht mehr gelten, beginnt auch der Wahn. An Beispielen von Heinrich von Kleist, E.T.A. Hoffmann, des Orpheus-Mythos und an Ausschnitten von ORFEO von Monteverdi und anderen Opern zeigt Hamilton die emotionale Verknüpfung in diesem Zusammenhang: Musik ist nicht harmlos, sie besitzt auch Gewalt.

So ist Orpheus fähig, die Götter der Unterwelt mit seiner Musik zu rühren. Kurze Zeit später wird er von den wilden Frauen Thessaliens umgebracht. So ist zwar die Flöte ein Naturprodukt, die wunderbare und poetische Lyra stammt dagegen aus den Sehnen im Hals des abgeschlagenen Hauptes der Medusa.

Die Musik, behauptet Professor Hamilton, ist eine zweite Sprache der Menschen, vermutlich die ursprüngliche. Die Ohren nämlich sind ein “Hirn für sich”.

Begegnung mit Prof. John T. Hamilton.


► DIE FLEDERMAUS ohne Plüsch

button-fledermausZu den rebellischen Regisseuren in Deutschland, die nicht langweilen, zählt Frank Castorf. Er ist Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. In Hamburg am Deutschen Schauspielhaus hat er DIE FLEDERMAUS von Johann Strauß inszeniert.
Aber wie? Die Hälfte der Zuschauer hat gebuht, die andere Hälfte war extrem begeistert. Das berühmte Champagnerstück ist umfunktioniert für Trompete, Klavier und elementares Theater. Aller Plüsch ist wegoperiert. Eine Rotte hochbegabter Schauspieler bringt ein Stück zustande, in dem die Gaskammer, das Gefängnis, die Ballnacht und das Ende des 20. Jahrhunderts Tür an Tür leben.
Verblüffenderweise wird die Musik mit den Stimmen der Schauspieler, dem hohen Balance- und Improvisationsgrad erst wirklich schön.
Frank Castorf über seine Gewohnheiten beim Inszenieren, den Zusammenhang von Kunst und Charakter, seine Inszenierung von Gerhart Hauptmanns DIE WEBER, Hebbels NIBELUNGEN. Johann Strauß nennt er einen nach Süden verrutschten Strindberg, so zersetztend und für das Subjektive im Menschen aufschlußreich sind die meisten Inszenierungen Castorfs, auch wenn er sich für Psychologie nicht interessiert.
Spannend, aufregend und informativ.