Abschied von einem Freund und Charakter: Egon Bahr

* 18. März 1922; † 20. August 2015

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Er war einer der großen vertrauenswürdigen Politiker in Deutschland und in der Welt. Mit scharfem Unterscheidungsvermögen zwischen Phrase und Sache. Es gehört zur Sachlichkeit viel Gefühl. Als der Kanzler Willy Brandt 1974 stürzte und ein letztes Mal zum Abschied vor die SPD-Fraktion trat, hat Egon Bahr als einziger geweint. „Das Bohren harter Bretter“ war sein Beruf. Charaktere wie Egon Bahr sind unersetzlich. Wenn ich zum Abschied sagen könnte: „Auf Wiedersehen“, wäre ich froher.

Alexander Kluge


Drei Sendungen, ein Filmausschnitt und drei Geschichten von Alexander Kluge

 

► Egon Bahr zu Tränen gerührt

Bahr BrandtEgon Bahr weint bei Willy Brandts Rücktritt im Jahre 1974. Ausschnitt aus dem Film Die Patriotin, 1979

 


Zeitgestalten von Afghanistan

Afghanistan ist ein ungewöhnliches Gebilde, auch ich mußte erst lernen, um was es sich handelt, sagte der Sicherheitsexperte Egon Bahr, der schon in den Weihnachtstagen 1979 sich mit Afghanistan befaßt hatte.
Geologisch ist dieses »Dach der Welt« (die Bezeichnung konkurriert mit der Hochfläche von Tibet) ein langsames Ereignis. Mir ist berichtet worden, daß in dieser Zone der große Pamir von Nordwesten, der Hindukusch vom Osten und vom Süden die Belutschistanplatte, unter den Sedimenten des Indischen Ozeans, aufeinander zu driften: ein verlangsamtes Erdbeben mit einer Dauer von 10 000 Jahren.
Unglaublich weit zurück liegt die Zeit, ergänzte Bahr, in der die Berliner den Schlager sangen: »Afghanistan, Afghanistan, das geht Dich Aff’ gar nichts an!« Das war aus Anlaß des Besuchs des Königs Amanullah bei dem deutschen Reichspräsidenten. Ein Foto von Erich Salomon ging um die Welt. Man sah ein erleuchtetes Fenster im Amtssitz von Hindenburg, dahinter, das besagte die Bildunterschrift, war der König zu Gast.
Wesentlich später dann die Äußerung des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß über den Krisengürtel Kabul–Nairobi–Kapstadt. Damals spotteten wir, fuhr Egon Bahr fort, daß man nur bei einem Reisebüro anrufen mußte, um festzustellen, daß es zwischen den drei Orten keine Zug-, Schiffs- oder Flugverbindung, ja, überhaupt keine denkbaren Kontakte gab. Das letztere wußten wir durch unsere Geheimdienste. Es war die Zeit, in der in Südafrika noch die Apartheid, in Südrhodesien die Diktatur des Kampfpiloten Smith herrschte. Von uns so weit entfernt wie die Steinzeit. Wie kam Franz Josef Strauß auf Kabul?

Bei dem Einmarsch der Russen, so Bahr, der einen gefährlichen Moment darstellte, weil in jenen Tagen auch der Oberschenkel von Marschall Tito amputiert wurde, also eine Destabilisierung Jugoslawiens drohte, besaßen wir im Auswärtigen Amt einen einzigen Referenten, der für Afghanistan zuständig war. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz, an der Egon Bahr teilnahm, ging es um die Perspektive, in wie vielen Jahren nach dem vermutlichen Rückzug der US-Kampftruppen mit einer Konsolidierung des Landes zu rechnen sei. Was heißt Konsolidierung, war seine Gegenfrage. In jedem Fall, sagte Bahr, handelt es sich um eine Zeitgestalt, die mit dem Lebenslauf eines Einzelmenschen nicht zu vergleichen ist. Der kluge Sicherheitspolitiker, unentbehrlich in seinem Reichtum an Erfahrung, war zu diesem Zeitpunkt 88 Jahre alt. Er bewegte sich rasch.


► Egon Bahr im Gespräch mit Günter Gaus

Bahr BrandtGünter Gaus befragt Egon Bahr, der für die Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel an maßgebender Stelle tätig war und in diesem Zusammenhang auch Kontroversen zu beantworten hatte.

 


Die Politik der Zähne (aus „Das Bohren harter Bretter“. 133 politische Geschichten“)

In der kambrischen Revolution bildeten sich Knochen und, in den Mäulern befestigt, die Zähne heraus, so daß sich Lebewesen von anderen Lebewesen ernähren konnten, privilegierte Angreifer, Raubtiere. Seither stehen einander Angriffs- und Verteidigungswaffen gegenüber.


► Macht ohne Maske

macht-maskeDie USA entwickelten seit 1945 einen Willen zur Vorherrschaft in der Welt, dem jede Heuchelei fremd ist. Diese Haltung führt in jüngster Zeit zu Kollisionen mit dem alten Europa, das mit Weltmachtgedanken, aufgrund bitterer historischer eigener Erfahrungen, besonders vorsichtig umgeht.

Egon Bahr, Kanzleramtsminister unter Willy Brandt und heute als Sicherheitsexperte tätig, berichtet.


Eine Jeanne d’Arc des produktiven Zweifels

„Vermiedene Kriege kommen später“. Gestützt auf seine statistischen Untersuchungen neigte der Bargfelder Meteorologe Fehse (anknüpfend an den Wetterforscher Richardson) zu depressiven Schlüssen. „Unterlassene Kriege“, behauptete er, führten zu einem Stau der Aggressionspotentiale. So daß der später dann doch ausbrechende Krieg um so grausamer sein werde, je länger die Pause zum vorhergehenden gedauert habe.
Dem widersprach die Geliebte eines Philosophen in Frankfurt, die es ablehnte, in solcher Weise zu empfinden. Wissen unterliege nämlich dem Primat der Empfindung. Sie wolle von einer deprimierenden Statistik nichts wissen. Auch hatte sie schriftlich Fragen an den Sicherheitsexperten Egon Bahr zu Händen von dessen Institut in Hamburg gerichtet, die ihr beantwortet wurden. Sie bemühte sich, Konflikte aufzuzählen, die „sich selbst vergessen“ hätten.

Sie gebe zu, fuhr die Leidenschaftliche fort, daß MINENFELDER DER GESCHICHTE, würden sie vergessen, sich mit Zufall und nachfolgendem Tun der Menschen aufladen könnten, so daß der Anschein entstünde, das Schicksal hecke Junge und könne sich fortpflanzen. Dies beruhe aber darauf, daß solche historischen Hinterlassenschaften neben und unabhängig von der Aufmerksamkeit von Menschen existierten. Das wolle sie als Gefahr niemals verkennen. Sie hatte auf Reisen, die sie als Model durchführte, männliche Jugend fremder Länder beobachtet, ohne an ihnen eine „primäre Wut“ feststellen zu können. Ihrem Geliebten gefiel, was sie vortrug. Sie führte ihre Gedankenskizze als eine große Zahl von mit Heftklammern verbundenen Notizen mit sich. Er ließ sich von ihrer Suada berauschen, ihrer Lebhaftigkeit, auch wenn er auf Gutmütigkeiten von Menschen deutlich weniger vertraute als sie.


► Krieg geht nicht vom Volk aus (Begegnung mit Egon Bahr)

egon-bahrEgon Bahr, ehemaliger Kanzleramtschef und heute international bekannter Sicherheitsexperte, über die Frage: Wem sprechen wir das Recht zu, über Krieg und Frieden zu entscheiden?

Als die Enzyklopädie in Frankreich erschien (1757) , galt noch der Kabinettskrieg. Fürsten entschieden über den Krieg. Dann kam eine Periode des Volkskrieges; eine brutale Form des Kriegs, der sich jedoch oft auf den Volkswillen stützte. Im Kalten Krieg kehrte die Entscheidungsmacht zurück zu einer kleinen Elite von Experten. Zu schrecklich wären die Folgen eines Irrtums gewesen. Auf Emotion oder Demokratie kam es im Gleichgewicht der Abschreckungskräfte nicht an.

Was gilt heute? An der Schwelle zum 21. Jahrhundert? Lassen sich Krieg, demokratische Mitbestimmung und Menschenrecht voneinander trennen?


Über Egon Bahr

Egon Bahr, geboren 1922 in Thüringen, – Journalist, Politiker und Sozialdemokrat – war einer der wichtigsten Vordenker und Verfechter der neuen ostpolitischen Ausrichtung unter Willy Brandt in den 60er Jahren. Als Staatssekretär im Bundeskanzleramt und Unterhändler in Moskau und Ostberlin prägte er den “Wandel durch Annäherung” und die “Politik der kleinen Schritte” entscheidend mit. Er war weitaus mehr als nur die “Graue Eminenz” der Entspannungs- und Vereinigungspolitik. Er war Zeit seines Lebens politischer Vordenker, Mahner, Sozialdemokrat mit Leib und Seele und ein von seines Kriegserfahrungen und jüdischen Wurzeln beeinflusster Friedenspolitiker, der lange über seine Amtszeit hinaus an die Ideale der Brandt’schen Außenpolitik erinnerte und diese stets auf neue Problemfelder übertrug.

Alexander Kluge und die dctp trafen Bahr in den 90er Jahren und auch im neuen Jahrtausend öfter zum Gespräch. Themen waren neue Herausforderungen der internationalen Politik, das Innenleben der Macht, Aspekte der planetarischen Sicherheit, veränderte Kriegsbilder und die Zukunft der Weltpolitik. Die Gespräche, die wir mit Egon Bahr führen durften, waren immer geprägt von einer großen Nachdenklichkeit, einem differenzierten Blick auf außenpolitische Zusammenhänge und dem Mut internationale Probleme neu und anders zu denken.

Egon Bahr starb heute im Alter von 93 Jahren. Mit ihm verliert die Welt einen großen und wichtigen sozialdemokratischen Friedenspolitiker, und wir einen guten Freund und Gesprächspartner.