Kapitel 10.2: Brüderchen Freundschaft. Gleims Tempelanlage in Halberstadt.

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Projekt Homunkulus

Goethe traf Petit während einer Badekur in Wiesbaden. Es ist bekannt, daß der Dichter seine Geheimkontakte zu französischen Revolutionären wie zu den Geheimgesellschaften der Freimaurer stets leugnete. Auch seine Verbindung mit italienischen und böhmischen Chemikern räumte er nicht ein, weil das seine Stellung als Minister hätte in Gefahr bringen können. Insofern gibt es einen Untergrund-Goethe. Die Hinweise Pierre Petits haben ihn angeregt. Er hielt den Zeitdruck, unter dem alle revolutionären Maßnahmen stattzufinden schienen, für »nicht förderlich«.

Zwölf Jahre nach Ende der Revolution jedoch gehörte er zu den wenigen, die die gesetzten Impulse weiter verfolgten, insbesondere das Projekt der Pflanzstätten, des Gartenbaus und der Menschenzüchtung.1 Eine Position, in der Goethe mit Petit während des kurzen Aufenthalts an den Ufern des Rheins keine Verständigung erzielen konnte, war das PROJEKT HOMUNKULUS. Die Züchtung eines künstlichen Menschen mit den Mitteln der Chemie hielt Petit für antirevolutionär. Jedes Projekt einer Parallel-Menschheit lehnt der Wohlfahrtsausschuß ab, sagte er. Das Menschengeschlecht muß seinen Fortschritt aus dem Zentrum der Zivilisation heraus, als einheitliche Nationalität, wählen. Das war aus okkulter Erfahrung nicht Goethes Meinung. Er hatte hinter dem Glas die Lichterscheinung eines Menschleins gesehen, hatte miterlebt, wie dieses »bewegliche Wesen« (um nicht zu sagen Lebewesen) das Glas zerschlug, hinaustrat und sich verständlich äußerte. Der nervös gewordene Alchimist erschlug es, Goethe hielt das für Mord. Das war in einem Städtchen Norditaliens.

Er selber war dem Homunkulus-Projekt nachgegangen, ohne den Versuch zu machen, ein solches Wesen zu erzeugen. Er hätte nicht gewußt, wo er es aufbewahren sollte. Wie wird es ernährt? Wer behütet es vor Mißverständnissen der Umwelt? Er hatte als berühmter Mann nicht die Zeit, so etwas selber zu tun und war sein Leben lang abgeneigt, Projekte zu verfolgen, die er nicht selber kontrollierte.

Ein solches Wesen, wesentlich kleiner als ein Mensch, aber großenteils in der Gestalt eines Menschen, muß nichts lernen, sagt Paracelsus, sondern wir müssen von ihm lernen. Es hat von seinem Schöpfer alles übernommen, was dieser weiß und worüber dieser als Gestalt verfügt. Wie ein Magnet zieht es chemisch (und vermutlich nach den Gesetzen des Lichts, ergänzt Goethe) aus dem Menschen, der den Homunkulus erzeugt, die Information heraus. Und zwar in idolisierter Form, d.h., dieses Wesen, das chemisch Mond und Sonne darstellt, sortiert DAS SCHÖNE, DAS ABSTRAKTE, DAS NICHTDIFFERENZIERTE voneinander und bildet so einen magischen Spiegel des unvollkommenen Adam. Der junge Goethe hielt das für ein Projekt, das man wie eine Porzellanmanufaktur, wie eine Pflanzschule von Seidenraupenbäumen einrichten und durch das man der Menschheit eine Hilfskraft zueignen könnte, die für das Jahrhundert des Progresses die Entscheidungsschlacht liefert.

Später, mit abnehmender Lebensenergie, wurde Goethe vorsichtiger. Wie soll der defiziente Modus2 Mensch in der Lage sein, ein Idol zu erwecken, das sozusagen seine guten Eigenschaften potenziert, zugleich selbst aber keine Menschenrechte beansprucht, sondern als Diener den besseren Menschen IN MIR erzeugt. Das schien ihm dann doch eher unwahrscheinlich in Anbetracht der übrigen Menschengeschichte. Er hat deshalb in Faust II den Homunkulus so dargestellt, daß er wie eine Flaschenpost ins Meer geworfen wird. Nach den Lehren der homöopathischen Potenzierung, wie sie Paracelsus vertritt, ist es nicht unmöglich, daß sich am Spurenelement dieses Homunkulus, sagt Goethe in den Geheimschriften, winzige Lebewesen am Sockel der Antarktis (heute kennen wir sie als Krill) infizieren und aus den Ozeanen eine zweite Intelligenz hervortritt, konkurrierend zur »sich abwertenden Menschheit«. Der neue Mensch oder die Intelligenz, die ihn auf dem blauen Planeten ersetzt, brauche die gesamte Zeit der Evolution, um zu entstehen. Das ist das Ergebnis, zu dem Goethe nach geheimen Laboratoriumsversuchen außerhalb von Weimar im 12. Jahr nach der Französischen Revolution gelangt. Es ist, sagt Goethe, ein Versäumnis, damit nicht oder zu spät zu beginnen. Und es ist Übereilung, wenn man sich den Zeitraum, der für die Entstehung erforderlich ist, kürzer vorstellt. Man solle eine solche zweite Evolution keinesfalls Homunkulus nennen, weil die Verkleinerungsform abwegig sei. Oft hielt Goethe die geheimnisvollen Medusen, vor allem die, die in der Mitte des Atlantiks wohnen, für Kandidaten einer alternativen Intelligenz.

1 Goethe ist, wie sich aus den Geheimschriften ergibt, der Auffassung, daß sämtliche Ansätze der Französischen Revolution gesammelt und auf eine Zeitstrecke von 30 000 Jahre projiziert gehören; an diesem korrekten Zeitmaß für »Veränderung des Menschengeschlechts« zeige sich von selbst, was daran substantiell und was Phrase sei. Auch könne sich erweisen, daß das Projekt hinfällig sei. Er aber nehme an, daß die geringe Chance, das »defiziente« Menschengeschlecht auf eine STRASSE DES FORTSCHRITTS zu setzen, in einem solchen Zeitmaß sich erweisen werde. Es sei offensichtlich ein Funken versteckt im Menschen, dessen Entwicklung aussichtsreich sei. Alle Ideen, diesen Funken aufzufinden und in Perpetuierung zu versetzen, litten jedoch an Übereilung.

2 Defizient = es fehlen wesentliche Teile zu einem glücklichen Gelingen. Der Mensch ist ein Mangelwesen.

untergrundgoethe

Untergrund-Goethe

aus: Chronik der Gefühle, Band I, S. 881


► Crash – Test für Gene (Link fehlt noch)

todeszoneIn der Genforschung arbeitet eine Gemeinschaft von etwa 100.000 Menschen an der Entschlüsselung des Genoms und der Versetzung der Grenzsteine, die die Umrisse von Forschung und künftiger Praxis markieren. Kann die Politik dieser Forschung Grenzen setzten? Wird es Menschenparks geben? Eine Begegnung mit der Omnipotenz.

Grenzen liegen, sagt der Molekularbiologe und Arzt Prof. Dr. Jens Reich, vor allem in der Vielfalt der Natur und der Undurchschaubarkeit ihrer Vernetzung. Insofern, sagt er, sind alle Versuche zur genetischen Verbesserung des Menschen Crash-Tests mit ungewissem Ausgang.


► Drei Schiffe zum Glück (Link fehlt noch)

todeszoneAuf hoher See, in exterritorialen Gewässern des Mittelmeeres, kreuzen die Schiffe des Kapitäns de Munoz. Gegen hohe Gebühren verwahrt er dort illegale Einwanderer, die an den Küsten Europas zurückgewiesen, aber von ihren Heimatländern nicht zurückgenommen werden. Die Unterbringung auf den drei Schiffen des Kapitän de Munoz unterscheidet sich deutlich von den vom deutschen Minister des Inneren geplanten Camps auf nordafrikanischem Boden. Auch Weiterbildung ist auf den Schiffen des Kapitäns möglich. Wächst auf den Meeren eine zweite Menschheit heran?

Kapitän den Munoz berichtet. Peter Berling als Kapitän de Munoz.


Reformdiskussion gegen Ende des 18. Jahrhunderts

Während in Göttingen die ganze Universität und die an den Universitäten gelehrte Wissenschaft in Halle (F. A. Wolf), Königsberg (Kant) und Jena (Fichte) ein neues Gesicht bekam, erhoben sich zahlreiche Stimmen, die eine völlige Abschaltung der Universität propagierten. Es handelt sich dabei um Vertreter eines aufs praktisch-fachliche und zugleich populäre gerichteten enzyklopädischen Wissenschaftsideals, die sich — ohne tiefergehende Kenntnis der Universität — an deren „Mittelalterlichkeit“ sowie am Theoretischen überhaupt störten. Die Unzahl Aufsätze, die von dieser Seite geschrieben wurden, hatten insofern ein Verdienst, als sie eine Reformdiskussion in Gang setzten.

Diese Diskussion führte auf Seiten der Universitäten zu einer intensiven Beschäftigung mit der Universitätsgeschichte , auf Seiten der Regierungen zu einer Reihe von Organisationsplänen. In Bayern und Preußen dominiert in diesen Plänen — die in Bayern sogar in die Tat umgesetzt wurden — der Fachschulgedanke. Wären etwa die Vorstellungen des preußischen Ministers von Massow verwirklicht worden — was jedoch im Hinblick auf die allgemeine Anerkennung einzelner Universitäten, insbesondere von Göttingen und Halle ausgeschlossen scheint — so hätte Preußen vielleicht etwas ähnliches wie die französische Unterrichtsverfassung nach 1793 bekommen. Geblieben ist von diesen Reformplänen das Institut des juristischen Vorbereitungsdienstes und die allgemeine Einführung obligater Staatsexamen. Die um die Jahrhundertwende stattfindenden Reorganisationen kleinerer Universitäten wie Heidelberg und Tübingen haben eingehenderen Charakter.

aus: Die Universitäts-Selbstverwaltung (1958), S. 74


Lage Domplatz

Häuser der Ostseite, Nr. 21-29 von Burgtreppe her entzündet, das Feuer »kriecht« herauf. Kustos Frischmeyer rettet das Gleimhaus, indem er sich Hilfe durch 3 Mann Feuerwehr verschafft. Warum haben wir eigentlich diese paar Ölgemälde und wackeligen Tische retten sollen? fragen die Helfer. Was war hieran wichtig? Frischmeyer: Das Andenken Gleims. Die Feuerwehrmänner kennen das kulturelle Erbe Halberstadts nicht, waren entschlossen tätig. Das Haus Domplatz/Ecke Tränketor brennt. Die Besitzerin rennt, um Löschpersonal anzufordern. Sie verspricht jedem Helfer mehrere Pfund Schabefleisch aus Schlachterei Steinrück, Vogtei, erhält so 2 Löschkräfte. Dom und Liebfrauenkirche durch mehrere Sprengbomben getroffen, wird erst in den folgenden Tagen bemerkt, da Bauten unerschüttert erscheinen. Es ist der äußere Eindruck der relativ großen Türme.
Familie Beinert, Domplatz: Das bleierne Pestkreuz vom Ostgiebel des Doms war heruntergestürzt und lag vor unserer Haustür. Ich versuchte es zu bergen, war wegen des hohen Gewichts unmöglich. Es war aber wertvolles Altmaterial, und in normalen Zeiten wäre mancher scharf darauf gewesen, es vom Domdach nachts herunterzuholen. Ich hatte schon mehrfach einen Blick darauf geworfen. Jetzt lag es da, war aber nicht zu bewegen.

aus: Chronik der Gefühle, Band II, S.72


Die Geschichte einer »großherzigen« Liebe

Der Regisseur Peter Konwitschny glaubte nicht an den »pathologischen Hang zur Gutartigkeit«, der in Mozarts Oper La Clemenza di Tito jenem römischen Kaiser nachgesagt wird, der den Tempel in Jerusalem zerstören ließ. Er hält die »Güte« für eine charakteristische »Maske des Cäsaren«. Sie täusche vor, der Kaiser dürfe, ohne seine Herrschaft zu gefährden, jeden Gegner gnadenlos begnadigen, somit die Ungefährlichkeit der opponierenden Öffentlichkeit demonstrieren und dem Gegner mehr als das Leben, nämlich die Identität, nehmen. Eine Täuschung liege vor, insofern ein Herrscher einen solchen »Beweis seiner absoluten Macht« immer nur vorspiegeln, nicht aber inWirklichkeit erbringen könne. Tatsächlich seien eine Reihe von Kaisern gerade infolge ihrer Gnadenpraxis umgekommen. So Cäsar.1

Mozart, fährt Konwitschny fort, hat die Maskierung des Kaisers durchschaut. Deshalb verbindet er sie mit einer Besonderheit: Der Kaiser verhält sich privat. Es geht in diesem Drama um die persönliche Bindung des Kaisers an seinen Freund Sesto. Beide Liebespartner haben Versuche gemacht, sich Frauen anzunähern. Das Bemühen des Sesto, Vitellia bedingungslos (wie ein Unterworfener, Willenloser) zu dienen, soll ihn inWahrheit in die Nähe des Kaisers zwingen, also dorthin, wohin es Sesto ohnehin zieht. Und wie könnte er dem Geliebten näher kommen als mit dem Messer, welches das Herz des Monarchen öffnet? Das Attentat mißlingt, weil der Kaiser selbst es steuert.

Nicht weniger kläglich endet es, wenn der Kaiser das »einfache Mädchen« Servilia zur Kaiserin erheben will. Er läßt sogleich wieder davon ab. Er entscheidet sich, Vitellia, die das Mordkomplott, wie er weiß, gegen ihn anführte und die Tochter des gestürzten Kaiser Vitellius ist, als seine Frau auf den Thron zu erheben. Das sind Versuche. Sie sind auf etwas libidinös Unmögliches gerichtet und scheitern. Mozart, meint Konwitschny, hat sich darüber gewundert, daß im inneren Kreis der Macht derart artistische Versuche gedeihen, Liebe auch dann noch durchzusetzen, wenn sie absurde Taten hervorbringt.

Die ganze Zeit über umgarnen Tito und Sesto als Polizist und Attentäter einander mit der Mordwaffe. Denn auch der Henker, der das kaiserliche Schwert führt, ist ein Instrument, eine Mordwaffe. Er wird nur tätig, wenn der Kaiser es befiehlt. Die Innigkeit des Zwiegesprächs zwischen Kaiser und Sesto besagt: Es ist leider unmöglich, daß der Kaiser und sein Attentäter sich zueinander personal, d. h. privat, verhalten. Es gibt keine Privatheit im Zentrum der Macht. Ein Trauergesang.
Das also, eineWunschvorstellung Mozarts aus dem 18. Jahrhundert, auch Herrscher mögen an der neuen Privatheit teilnehmen, die sich in der Gesellschaft ausbreitet, und nicht etwa ein Triebverzicht des »Raubritters Rom«, ist Gegenstand dieses »Dramas mit der tröstenden Musik«. Eine »Verwechslung des Wirklichkeitsverhältnisses« nährt die Konflikte und versetzt am Ende den Kaiser in die Lage, diejenigen, deren Leben er schon vernichtet hat, getrost zu begnadigen.

1 Auch das Schicksal von Gorbatschow zeigte, daß das Nicht-Bestrafen ernsthafter Gegner den Gnadenwalter bestraft.

aus: Tür an Tür mit einem anderen Leben, S. 518


Republikanische Eheschließung

Republikanische Eheschließung am »Altar des Vaterlandes« 1792


Inwiefern ist Liebe eine republikanische Tugend?

In der Zeit, in welcher Königsberg vom Heer der Zarin besetzt war (sieben Jahre lang), saßen schwärmerische russische Offiziere, philosophieorientiert, oft zu Gast bei Immanuel Kant. Eines Samstags kam die Frage auf: Kann die Liebe (l’amour) als Gesetzgeberin des Lebens neben die Gemütskräfte treten, die sich zum Erkenntnisvermögen zusammenschließen? Als dann wäre doch die Motivation die denkbar stärkste. Die Vernunftwerkzeuge, welche die Natur dem Menschengeschlecht beigegeben hat, wären dann nicht nur beobachtend und urteilend, sondern auch TATKRÄFTIG wirksam.

Die jungen Offiziere, persönlich verliebt, von ihren persönlichen Erfahrungen auf das Weltganze schließend, redeten sich in Begeisterung. »Handle stets so, daß dein Wollen Maßstab einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte!« Was für energiereiche Einfälle entspringen in dieser »Sache« (oder vielmehr in einem solchen Arkadien der Subjekte) den schwellenden Herzen. Die Liebesbeziehung nährt sich ja, behaupteten die jungen Hauptleute und Majore, in der Mehrzahl aus der Spiegelung des Anderen. Ich sehe, daß du mich liebst, und daraufhin liebe ich dich um so mehr!

Der Philosoph war gefordert. Er hätte einfachere Beispiele aus der sinnlichen Erfahrung bevorzugt. So heißt »sich in Denken orientieren« zunächst die Bestimmung der Himmelsrichtung bei Aufgang der Sonne (auch in der Nacht gibt der Aufgang der Sterne Auskunft über die Richtung der Horizonte). Zugleich aber weiß das »wahrnehmende Subjekt«, welche seiner beiden Hände die rechte oder die linke ist. Das weiß einer auf Grund sinnlicher Erfahrung, aber auch dadurch, daß die Hände und die Himmelsrichtung sich zueinander orientieren. Sehe ich den Sonnenaufgang im Osten, so haben rechte und linke Hand ihren sicheren Platz. Es geht darum, die erkennende Zuordnung zwischen Subjekt und Objekt zu gewährleisten.

So etwas war in Liebesverhältnissen nirgends garantiert. Vielmehr, so begann der Philosoph die Entgegnung, neigt die Liebe als die HERRISCHSTE TEILKRAFT DES BEGEHRUNGSVERMÖGENS dazu, sich selbst zum obersten Gebot zu machen. Das tut die Vernunft ja keineswegs. Sie ist vielmehr Schlichterin zwischen den verschiedenen Gemütskräften, dem Konzert der Gefühle, sozusagen Dirigentin und keineswegs Trompete.

Sie können doch nicht, Herr Professor, die zarteste, leiseste Empfindung, die der aufkommenden Verliebtheit, mit einer Trompete vergleichen. Es entspricht nicht der Erfahrung, daß die Liebe in ihren Anfängen sofort alles übertönt.

Das kenne ich aber anders, warf Hauptmann von Löwe-Danilow ein.Wie ein Blitzschlag, zumeist unter Fremden, die einander nicht verstehen, schlägt die Liebe ein, wie wir es in französischen Romanen lesen. Wie Phaethons Sonnenwagen, der abstürzt. Arkadien liegt versengt, die Nymphe Kallisto irrt nach Wasser dürstend umher. So fällt sie Jupiter anheim, der Wasser besorgt. Eine grauenvolle Geschichte. Ich kenne kein Dickicht, das unzugänglicher ist als die Welt der Liebe.

Immanuel Kant erwartete von einer Abendgesellschaft wie dieser »Lust und Laune«; diese Abendzeit schien ihm ungeeignet für Erkenntnistätigkeit, dagegen höchst lohnend für sog. »Verstandesspiele«. Ein Mensch läßt sich nämlich die Lust, ohne unmittelbaren Erkenntniszwang Gedanken und Worte schweifen zu lassen, ähnlich den Klängen in den »Tonspielen« oder den raschen Zufallsblitzen in den »Gewinn- und Glücksspielen«, nicht ausreden. Hierbei handelt es sich um eine Echowelt der Erkenntnisvermögen; keineswegs entspringt die Lust an der Konversation, der zwanglosen Abendrede, der tierischen Natur. Darüber stritt sich der Philosoph in seiner Korrespondenz gerade mit Johann Gleim, der ganz im Gegenteil die Tiere »geschwätzig und gesellig«, d. h. »tonspielende und glücksspielende Lebewesen«, nannte.

Der gute Wille hat in Liebesangelegenheiten, führte der Philosoph aus, eine abweisende Kraft. Der gute Wille in der Liebe schließt alle Dritten von der Teilhabe an den Gemütskräften des Liebenden aus und ist konzentriert auf die eine Person, die auf solch einseitiges Liebesbegehren antworten soll: ein Übermaß an Zuwendung, dem sich auch bei bestem Willen das Liebesgegenüber nicht fügen kann, da es ja zumindest den eigenen Ausdruck (die Autonomie) seines Liebesvermögens dagegenhalten und insofern dem Anderen erst verdolmetschen müßte, so Kant, wie die Grammatik auf beiden Seiten des »Unaussprechlichen«, des mit viel Schwärmerei und Ahnungsvermögen verdichteten Verhältnisses, aufzufassen sei.

Die Antwort empfanden die Offiziere als trocken. Sie fingen gleich aufs neue an, von Liebesdingen zu berichten; die Beispiele lösten einander in rascher Folge ab. Sollte es so sein, daß sie ihrer Neigung nicht folgen dürften, so wollten sie lieber auf Philosophie verzichten als auf das interessante Thema, das sie am Schopfe gefaßt hielten. Kant, ein höflicher Gastgeber, insistierte auch nicht auf einer Klärung, einer Entmischung der Begriffe. Es genügte ihm, daß niemand sein Liebesheil von übersinnlichen Kräften, aus dem »von dickem Nebel erfüllten Raum des Übersinnlichen«, erwartete. Mochten sie in der Weltenpraxis Heil suchen oder Unheil stiften. Ihm schien die Auffassung, eine einzelne Gemütskraft solle über alle anderen herrschen, ähnlich wie in der griechischen Götterwelt die Zuwendung des einen oder anderen Gottes das Unglück Trojas gestiftet hatte, dogmatisch. Was für eine gräßliche Anmaßung, zu sagen: Kraft der vorübergehenden Aufwallung in mir (ungeleitet von Sternen oder Gesetzen) bestimme ich, daß ich dieses eine Gegenüber, das ich zufällig entdeckt habe, liebe (oder nur auch ein Bein davon, das schöne Haar, eines von zwei Strahleaugen, manche sind verrückt auf Füße); alle anderen möglichen Gegenüber aber lehne ich entschieden ab. Auf ein solches Urteil, meinte Kant an diesem Abend, läßt sich nur Unglück stützen. Das ist schlimmer als die religiösen Fehlurteile, welche die Morde in der Bartholomäusnacht auslösten: Weil protestantische und katholische Familien sich durch Heirat vermischten, kam es noch in der Hochzeitsnacht zu Massakern.

Man sah dem Gelehrten äußerlich nicht an, was er dachte. Unabhängig von der Maschinerie seiner Gedanken führte er höfliche Reden, die den Gästen, den Okkupanten, gefielen. Die Gesellschaft fühlte sich hauptstädtisch insofern, als sie von den Romanen Frankreichs schwärmte, die Macht des Zarenreichs vertrat und doch in dieser Kleinstadt die Weltphilosophie anwesend wußte. Der gutaussehende Philosoph verkörperte eine unsichtbare Republik von Schreibenden, die ein Netzwerk um die Welt gespannt hielten. Die Liebe zwischen den Geschlechtern hielt er für keine republikanische Tugend.

aus: Tür an Tür mit einem anderen Leben, S. 500