Zeitbedarf der Revolution

 

„Eine gute Revolution ist nicht unter 800 Jahren zu haben“

 

► Eine gute Revolution ist nicht unter 800 Jahren zu haben


 

Jonas A. Zalkind, ein Revolutionär von 1917

Demonstration von Arbeiterinnen und Arbeitern der Putilow-Werke am 23. Februar 1917, Petrograd. Quelle: State museum of political history of Russia

Ihrer Herkunft nach waren sie »bürgerliche Charaktere«. Sozialist zu sein ist Luxus. Respektvoll waren sie gegenüber den Delegierten aus den Fabriken Petrograds, also Arbeitern, die bis zum Ausbruch der Revolution an Werkbänken gearbeitet hatten.

Klassentechnisch gesehen, waren auch die Arbeiter nicht industrialisiert. Die in den Fabriken Petrograds Beschäftigten trugen die Eigenschaften der Bauernklasse in sich: Solidarität, Ruhe, Orientierung an den Jahreszeiten, Vorsicht, Produzentenstolz. Auf ihre Maschinen so stolz wie auf eine Hecke, einen bestellten Acker, ein Wäldchen, das noch die Vorfahren gepflanzt haben. Alle hatten sie ein besonderes Eigentum, das an ihrem SELBSTBEWUSSTSEIN.

Jonas A. Zalkind war als Kommissar tätig. Zeitweise Stellvertreter Trotzkis. Mitglied der »Fusionierenden Gruppe«: uneitel, UNTER SENKUNG DER ICH-SCHRANKE TÄTIG.

 

► Zeitbedarf der Revolution


 

Revolutionärer Versuch an den Rändern Frankreichs

Mit dem Geld eines schlesischen Magnaten, der in die Französische Revolution vernarrt war, begründete 1791 ein ehemaliger Fecht- und Lateinlehrer aus Caen im fernen Louisiana, einer Kolonie Frankreichs, eine Siedlung, in der die gesetzgeberischen Eigenschaften von Bürgern, die Tugenden der künftigen Republik, erprobt werden sollten. Es stellte sich rasch heraus, daß man zumindest 77 solcher Siedlungen benötigte, mit einer Einwohnerzahl nicht unter 800.000 Menschen (Männer, Frauen, Kinder, Alte, Junge, Handwerker, Geistesarbeiter), um dem Versuch Raum und Zeit zu geben; auch war es nötig, den Zufluß neuer Siedler zu garantieren, den Verlust von »Abgängern« auszugleichen. Der GRUNDSTROM EINES REVOLUTIONÄREN GEMEINWESENS forderte eine bestimmte »Fließgeschwindigkeit«.

Die notwendige Zahl wurde in Louisiana nie erreicht. Einige der Boten, die der junge Lehrer nach Paris sandte, um Verstärkung für das Experiment zu erbitten, wurden dort als Sektierer verhaftet und umgebracht.

Noch in den letzten Tagen Napoleons machte sich der Gründer daran, seine erste ausgebildete »autonome Gruppe« nach Haiti einzuschleusen. Sie sollten dort den Samen der AUTONOMIE (das Selbstdenken, die Eigengesetzgebung) in die Sklaven-Republik, die sich von der französischen Besatzungstruppe befreit hatte, einführen. Hier sahen die Menschheitsbürger exakt den Rohstoff vor sich, den sie brauchten.

 

 

Was ist eine »fusionierende Gruppe«? / Rosa Luxemburg und die Revolution von 1905

Die »fusionierende Gruppe« ist das Element aller Revolutionen. Menschen schließen sich zusammen. Ohne es noch zu wissen, bilden sie gegenüber ihren bisherigen Leben einen neuartigen Zustand, in welchem sich ihre Eigenschaften, ohne daß sie das beabsichtigen, vereinen. Unterhalb ihrer Willenskräfte, unter dem Eindruck der Unruhe, welche die Stadt ergriffen hat, auf Grund von Ahnungsvermögen und Tatkraft. Der »neue revolutionäre Mensch« (ein zunächst instabiles Element) besteht nicht aus Personen, aus den Altmenschen selbst, sondern entsteht zwischen ihnen, aus den Lücken, welche die Menschen im Alltag voneinander trennten.

In Kiew geriet ein Taschendieb in eine fusionierende Gruppe, die sich zum Hauptbahnhof bewegte. Sie wollte die Station besetzen. Zaristische Wachen suchten die Menge zu behindern. Den Taschendieb hatte die Gelegenheit gereizt, aber er vergaß sein Geschäft. Er wurde einer der Kundschafter, die für den Demonstrationszug den Weg erkundeten, der über Nebenstraßen zum Platz vor dem Hauptbahnhof führte.

Ein Anwalt, dem seine Zeit stets kostbar gewesen war (Anwälte sind Dienstleister), hatte sich in die gleiche Gruppe verirrt. Er zog mit der aufrührerischen Horde durch die Stadt, verstärkte, ohne es zu wollen (und subjektiv unter Mißbilligung solcher gesetzwidrigen Zusammenrottungen), die Wucht des Angriffs auf die polizeilichen Absperrungen, indem er in der Menge mitlief. Bis in die Abendstunden bewegte er sich durch die Stadt.

Rosa Luxemburg, die auf die Nachricht vom Ausbruch der Re

Rosa Luxemburg (1915)
Quelle: Deutsches Bundesarchiv

volution von Berlin herangereist war, versuchte, zu spät gekommen, die Erfahrung der ersten Tage der Revolution zu rekonstruieren. Sie sammelte Berichte. Die Nachrichten stimmten darin überein, daß sich im Augenblick der Umwälzung Mitteilungen, Ideen, Handlungsimpulse unter den Menschen rascher verbreiteten, als dies mittels der Telegrafie geschehen konnte. Es schien ihr, so schrieb sie in ihren Artikeln für die Leipziger Volkszeitung mit einem gewissen Pathos, als sei ein EINZIGES LEBEWESEN, EIN REVOLUTIONÄRER GESAMTARBEITER tätig. Nach einigen Tagen war das nur noch Erinnerung. Der »Riese«, von dem Rosa Luxemburg geschrieben hatte, schien nach einiger Zeit zerfallen.

Kein Mittel war bekannt, wie man eine solche FUSION unter den Bedingungen des Produktionsalltags oder der Privatheit der Familie über die Zeit hinweg hätte retten können. Im falschen Leben gedieh keine Revolution. OHNE REVOLUTION KEIN RICHTIGES LEBEN.

 

► Ich war, ich bin, ich werde sein

 

Ein Voranschlag für den Zeitbedarf für die »Veränderung der Seelenkräfte«

Jonas A. Zalkind und der Genosse Alexander Bogdanow, der schon 1904 mit Lenin auf Capri Schach gespielt hatte, jetzt beauftragt mit dem Projekt PROLETKULT, tranken miteinander Tee. Es war in der vierten Nachtstunde. Die beiden Unruhegeister in hellen Flammen.

Cover des Proletkult Magazins “Gorn”, 1922.

Was sehen Sie vor dem geistigen Auge? Der Dialog ist ein Fluggerät. Politisch ist es entscheidend, daß die Arbeiterklasse und die Bauernklasse Rußlands nicht bloß eine Koalition eingehen (die gäbe es immer nur auf Zeit), sondern daß sie verschmelzen in ein Drittes. Nennen wir das den »neuen Menschen«. Er verwandelt allein durch den Anblick der aufs Land zu liefernden Traktoren das Getreide zu Zeppelinen und Flugzeugen, die das weite Rußland in Nahbereiche wandeln; durch die Brauchbarkeit des industriellen Produkts schaffen solche Menschen den GEBRAUCHSWERT IM GEMÜT, so wie der Proletarier in den Fabriken (oder in den Panzerzügen, den Schiffen, den Rotten der Roten Armee) schon immer den Geruch frischer Würste, des frisch gebackenen Brotes im Herzen und in der Nase trug, somit zugleich Arbeiter und Bauer. Verschmelzung heißt Abwerfen der Irrtümer.

Für die Produktion des Stroms von Flugzeugen, der erforderlich ist, um die Elemente Rußlands miteinander zu verbinden, veranschlagten Bogdanow und Zalkind (Rum ist im Tee) bloß sieben Jahre. Daß aber ein solcher »Fortschritt« und »Produktstrom« innerlich angenommen wird, also die Kutscher von Rentierschlitten im hohen Norden das »Bedürfnis« nach Flugzeugen als ihr eigenes empfinden, während der Pilot den Vorzug der Rentiere in sein »Bedürfnis« aufnimmt, dafür benötigt Rußland dreißig Jahre. Dazu kommen, ergänzt Zalkind, die Schulen. Es werden wandernde Schulen sein, denn man muß die verstreuten Genossen, ja, diejenigen Menschen, die sich jetzt gar nicht als Genossen verstehen, erreichen. Es sind weitere sechzig Jahre nötig, rechnet Bogdanow auf seinem Zettel, um das durch die sozialistische Ökonomie Geschaffene so im Inneren der Menschen zu befestigen, daß aus der sozialistischen Tugendlehre eine Lust wird, etwas, was spontan antreibt. Organisation nämlich ist Spontaneität, Autonomie.

»Was immer die Philosophen sagen – /

Selbst in der Tugend trachten wir nach Lust.«

 

► Die Concierge von Paris


 

Condorcet stürzt sich in die Wogen der Revolution

Porträt des Marquis de Condorcet (1743-1794)

Condorcet, den Jules Michelet den »letzten großen Philosophen des 18. Jahr­hunderts« nennt, Nachfolger von d’Alembert als Sekretär der Akademie der Wissenschaften, Briefpartner von Voltaire, dieser ernste Mann warf sich in die »Wogen der Revolution«. Zwei Jahre zuvor hatte er seine junge Frau So­phie geheiratet. Sie, eine geborene Grouchy, war 22 Jahre alt, einundzwanzig Jahre jünger als dieser Mann. Sie war bekannt geworden durch ihren Aufsatz Lettres sur la sympathie. Sie hatte Condorcet erklärt, als er um ihre Hand bat, »ihr Herz sei nicht mehr frei«. Sie sei unglücklich verliebt in einen Mann, der sie nicht wiederliebe. So lebten die zwei Condorcets zwei Jahre keusch, jeder in großer Achtung vor den Gefühlen des anderen.

Dann aber, an jenem Julitage, an dem die Bastille fiel, in der gewaltigen emotionalen Aufregung des Moments, empfing Frau Condorcet ihr einziges Kind. Es wurde neun Monate später, im April 1790, geboren. Condorcet begann in dieser Zeit eine Art drittes Leben. Zunächst hatte er als Mathematiker gelebt (mit d’Alembert), dann als öffentlicher Kritiker (mit Voltaire), und nun »schiffte er sich ein auf den Ozean des politischen Le­bens«. Dieser ernste Mann war voller Elan. Den Witz früherer Zeiten konnte er dabei nicht entbehren. Von ihm stammt der scharfsinnige »Brief eines jun­gen Mechanikers«. Der junge Me­chaniker verpflichtete sich in jenem Brief Condorcets, für ein geringes Entgelt einen KONSTITUTIONELLEN KÖNIG ALS MARIONETTE herzustellen, der bei sorgfältiger Reparatur sogar »unsterblich« sein werde. Mit dieser Aus­schmückung machte Condorcet sich bei den Jakobinern verdächtig, bei den Royalisten unbeliebt.

Er machte sich kein falsches Bild von der Gefährlichkeit seiner Lage. Es war nicht abzusehen, welche der Kräfte in einem im Moment noch verharrenden Bürgerkrieg die Oberhand gewinnen würden. Später fürchtete er Folgen für seine Frau und das junge Kind, das Geschöpf der »heiligen Julitage des Jahres 1«. Er suchte nach einem Hafenort, von wo aus seine Familie fliehen konnte, und entschied sich für Saint-Valéry.

 

► Abschied von der Revolution

 

Blick aus dem Revolutionsmuseum auf das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz

Manfred Seifert war ein Kundschafter der DDR aus der Abteilung IX der HVA. Er begleitete den Genossen Krenz im Sommer 1989 nach China. Die Feiern dort betrafen den vierzigsten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China. Aufgrund seiner sorgsamen Ausbildung an der Arbeiter- und Bauernfakultät Halle schwang in Seiferts Gefühl die 200jährige Wiederkehr der Großen Französischen Revolution mit starkem Klang. Der Genosse befand sich aber zu diesem Zeitpunkt in den Räumen des REVOLUTIONSMUSEUMS am Tian’anmen-Platz.

Auf einer Auktion in England hatte er Originalmanuskripte von Marx im Parteiauftrag ersteigert und als Gastgeschenk des Staatsrats der DDR an das Zentralkomitee der VR China hierhergebracht. Sie waren in den Tresoren des Museums verstaut. Jetzt sah er durch die großen Fenster des Monumentalbaus, gemeinsam mit anderen Genossen, darunter Franzosen, auf das Geschehen draußen: die Fliehenden, den Einschlag von Schüssen, den Versuch der Leute, Barrikaden zu improvisieren, die doch für die Mannschaftswagen und Panzer der Militärmacht kein Hindernis bildeten.

In den Vitrinen hinter den Beobachtern, in denen die Inkunabeln früherer Revolutionen verwahrt waren, spiegelte sich die Feuerlohe: in den Augen des geschulten Beobachters Seifert ein irritierendes Gesamtbild. Er hatte ja nichts dagegen, wenn Randalierer vom Platz geworfen wurden. Zweifel aber bewegten ihn und offensichtlich auch die anderen anwesenden Genossen, ob es sich um Randalierer handelte. Zwar war die Freiheitsstatue aus Pappe eine Provokation, ja eine Albernheit. Die Bewegung selbst aber, aufgrund der Eindrücke der Vortage, der Wandzeitungen, der Gespräche, die Seifert geführt hatte, schien ihm revolutionäre Attribute zu besitzen. Noch gestern hatte er geglaubt, die Revolution erhebe erneut ihr Haupt. Parteidisziplin hinderte ihn nicht daran, seine Eindrücke innerlich zu bewahren. Wo hört das Volk auf, wo beginnt die Randale? Wieso darf ein Volk nicht rebellieren, wenn es zugleich randaliert? Wer bestimmt über die Form der Empörung?

 

► Abschied von der industriellen Revolution


 

Grammatik der Revolution

Alle epochalen Ereignisse ereignen sich zuerst als Tragödien und wiederholen sich als Farce, sie kehren dann aber, sagt Sigrid, als normales Ereignis zurück. Nur mein Mann kehrt nicht zurück, er hat sich erschossen. Ihre Feststellung fand sie, während sie noch redete, »unausgeglichen«. Man spricht nicht »feststellend« und auch nicht »von oben herab« über die Revolution und einen entschlossenen Toten. Der Wortwechsel fand in einem Gartenlokal im Osten Berlins statt. Girlanden und Glühlampen beleuchten die Biergartenausstattung, die Hinterhausfassade, die zur Bühne gehört, die Bäume. Bierlokale, Ausflugsgaststätten dieser Art sind traditionelle Versammlungsorte der Arbeiterbewegung, von der Partei in den 20er Jahren kultiviert als »Arbeiterkultur«, dann als Farce wiederkehrend und in die Dekoration politischer Revuen im Friedrichstadt-Palast eingebracht, auch als HO-Biergartenanlage eine Farce (weil niemand unter Denkmalschutz Bier trinkt). Jetzt aber, nach der Niederlage der Arbeiterbewegung in Ost und West, ist dieses Lokal unter dem Patronat der populären Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wieder in die Gewohnheiten einer Zielgruppe eingemeindet und erscheint für diejenigen, die den historischen Zusammenhang nicht entziffern, als ein besonders annehmbares Sommerlokal, wo man interessante junge Leute trifft.

Sigrid war schon gegen 17 Uhr eingetroffen und redete längere Zeit aufgeregt und quirlig mit ihrer Clique. Dann setzte sie sich abseits und schrieb in ein mitgeführtes Heft. Die Freunde ließen sie in Ruhe; die diskutierende Runde saß nicht mehr als 4 Meter von ihr entfernt, wehrte aufdringliche Frager oder junge Männer ab, die sich Sigrid nähern wollten. In jedem anderen Gartenlokal herrscht am Samstagabend insofern Gruppenterror, als ein Mensch, der liest oder schreibt, in den lärmigen Verkehr der Gespräche und der Freunde zurückgeholt werden muß. Sigrid war privilegiert. Sie war als junges Mädchen, 1987, die Frau eines höheren Kaders in Thüringen geworden, der zuletzt noch als Reformer in die Zentrale versetzt wurde und sich, als die Niederlage des Arbeiterstaats im Januar 1990 feststand, erschoß. Weil er sie im Stich gelassen hatte, haßte sie ihn. Sie war zu jung, um die zu kurze Ehe schon als Realität zu empfinden. Was sie empfand, war die Rabiatheit der Tat. Die Betäubung, nachdem er zu Grabe getragen wurde. Für die früheren Freunde war die Tat Privatsache.

Sigrid schreibt: »ICH WAR, ICH BIN, ICH WERDE SEIN, das sind die letzten Worte in dem Artikel von Rosa Luxemburg am 18. Januar 1919, den sie vor ihrer Ermordung in der Zeitung Die Rote Fahne veröffentlichte. Diese Worte spricht die Revolution. Sie war immer schon der Motor der Geschichte, sie wird nach ihrer gewaltsamen Unterdrückung wiederkehren, und sie ist, ohne daß einer es bemerkt, jederzeit da als innere Stimme, Mahlsand der Zeit, schnurrendes Getriebe.«

Hier im Prater, schrieb Sigrid, ist sie im Augenblick leider nicht.

Durch die Mauer der Freunde dringt Reents, ein Mitarbeiter Gysis, zur schreibenden Sigrid durch. Er liest den Text, er liest die Überschrift: »Grammatik der Revolution«.

 

► Der Mensch im Ding


 

Charakteristik einer Bürgerin auf Reisen
Wo befindet sich das Gesicht einer bürgerlichen Seele?

Die Tochter des Millionärs und US-Botschafters in Deutschland und Vertrauten Roosevelts, Dodd, welche die Sowjetunion die Wolga hinab bereiste, litt sehr unter den Toiletten der kleinen Dampfer. Es handelte sich um Installationen aus Gußeisen, grob mit Farbe bestrichen. Sie waren so rauh auf der Oberfläche, daß sie jeden Fremdkörper, jeden Schmutz über die Jahre hin festhielten. Darauf mochte sich diese Tochter eines Millionärs mit ihrem westlichen Gesäß nicht setzen. Lieber hockte sie in angestrengter Muskelleistung über dieser Gelegenheit, suchte den Kontakt zur gußeisernen und farblichen Materie zu vermeiden.

Kurz vor Astrachan lernte sie einen jungen Mann kennen, Agent des sowjetischen Geheimdienstes, der sie später folgendermaßen beschrieb: »Mir begegnete eine Bürgerin. Diese Bürgerinnen putzen ihren Anus, auf dem sie wie wir sitzen, sorgsamer, als sie das mit ihrem Gesicht tun. Ihr Gesicht ist der Luft und der Witterung ausgesetzt und reinigt sich sozusagen von selbst. Gelegentlich unterstützen die Bürgerinnen die Haut des Gesichts durch ein Fünkchen Salbe. Zugleich führt eine solche Bürgerin kleine Röllchen von weichem Papier (zum Beschreiben ungeeignet) mit sich. Keinerlei Aufzeichnungen findet man auf diesen Röllchen (ich kontrollierte es genau), ja, sie sind dazu bestimmt, nach den eigentlichen Verrichtungen den Anus zu putzen und anschließend achtlos weggeworfen zu werden. Der Vorrat solcher Röllchen ist der zu beobachtenden Person, der Bürgerin, ›heilig‹. Sie erregte sich sehr, als ihre Verfügungsmacht über diese Röllchen (durch eine Manipulation unsererseits, einen Test) einige Stunden aufgehoben schien. Ich »fand« die ›Papiere‹ anschließend, zu ihrer Beruhigung, ohne daß sie je erfuhr, warum wir sie weggeschafft hatten.

Das Gesäß hat bei den Bürgerinnen besondere Empfindsamkeit. Offenbar wurde diese junge Frau nie mit Ruten auf das Gesäß geschlagen. Sie antwortet auf Streicheln auf diesem Anti-Gesicht, ihrem wichtigsten Hautorgan, mit Zuwendung. Außerdem empfindlich an den Schultern, am Hals, im Hintergrund der Ohren. Dagegen sind die Lippen, wie wir Sowjets sie zur Begleitung von Kontakten gebrauchen, eher zu Abwehr bestimmt.

Für alles, was wir in der kurzen Zeit weniger Tage ausgetauscht haben, forderte sie absolute Vertraulichkeit. Vor allem erwartete sie diese gegenüber dem US-Botschaftspersonal, das wir bald in Astrachan trafen. Antisowjetische Aktivitäten oder ein Geheimwissen (abgesehen von den persönlichen Sitten und den erotischen Gewohnheiten einer Bürgerin) habe ich nicht feststellen können. Gezeichnet A.M. Schwierin, Major.«