Stalingrad: Der Untergang der 6. Armee


Alexander Kluge kl

12 Tage vor meinem 11. Geburtstag kapitulierte die 6. Armee im Kessel von Stalingrad.

Wie jung die Soldaten und Offiziere waren, die im Kessel von Stalingrad umkamen oder in Gefangenschaft gingen, stellt man sich nicht vor. Viele waren noch halbe Kinder.

Am 2. Februar 2018 haben wir den 75. Jahrestag der Kapitulation in Stalingrad. Der Kessel ist ein Beispiel für den „organisatorischen Aufbau eines kollektiven Unglücks“. Ein Staat schickt seine bewaffneten Leute aus und kann sie nicht zurückholen: das zerbricht die Autorität. So etwas ist nichts bloß Militärisches, es ist etwas Emotionales.

Im Folgenden Texte und Bilder zum Untergang der 6. Armee, der in der Nacht zum 2. Februar 1943 endgültig wurde. Ich war Ohrenzeuge (unter dem Tisch, elfjährig), als die Stimmen der Erwachsenen, die darüber sprachen, bitterernst wurden.

 

Alexander Kluge


► Zwei Brüder

Zwei Brüder, Experten für das Reparieren von Motoren, zogen 1941 nach Rußland. Sie hatten versprochen, einander zu beschützen, bis in den Tod. In Stalingrad stirbt einer der beiden in der Kälte. Der Überlebende kann den Toten vor Kannibalen nicht retten. (Aus: Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd)

 

► Wetter in Stalingrad

Die Hydrometeorologin Emma Romanowna von der Wetterstation Wolgograd berichtet von den Wetterbedingungen im Winter 1942/43, die das Geschehen im Kessel von Stalingrad mitbestimmen.

 

 

 


Der Zuhörer unter dem Tisch

Über dem Tisch, der »die Trinkecke« hieß, war eine schwere Brokatdecke ausgebreitet, die bis zum Boden reichte. Darüber erst die weißen Tücher, die aufgedeckt wurden, wenn Gäste kamen, darauf die Flaschen und Gläser der lustigen Gemeinde, welche die Kriegsverhältnisse einschätzte, eine Menge Worte tauschte, sich gegenseitig durch die Plauderei ermutigte. Eine Menge Geheimwissen kam in einer solchen Kleinstadt zusammen, wenn Fremde und Freunde, das Reich durcheilend, in der Trinkstube Station machten.
Ich selbst saß unter dem Tisch, verborgen seit dem frühen Abend. Daß ich die Reden verstanden hätte, kann ich nicht behaupten. Ich wollte sie hören, auch ohne sie zu verstehen, weil die Eltern diese Gespräche liebten; dann war für mich gleich, was sie bedeuteten.


► Rettung kann man für Geld nicht kaufen

In die Uniform eines deutschen Majors hat dessen Frau 10 000 Reichsmark eingenäht. Für den Notfall. Als der Mann damit einen Piloten der Luftwaffe bestechen will, um als Leichtverwundeter aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen zu werden, wird er ertappt und zu Tode verurteilt.

 

► Die ärztliche Versorgung im Kessel

In die Uniform eines deutschen Majors hat dessen Frau 10 000 Reichsmark eingenäht. Für den Notfall. Als der Mann damit einen Piloten der Luftwaffe bestechen will, um als Leichtverwundeter aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen zu werden, wird er ertappt und zu Tode verurteilt.

 

► Batteriechef Wüster

Wigand Wüster berichtet aus seiner Zeit als Batteriechef in Stalingrad.

 

 

 

 


Nachricht

Eine Nachricht z. B. ist: »Ein Junge weint nicht.« Das ist eine Nachricht über den Wirklichkeitssinn.

»Ein Unglück wie Stalingrad hat den Vorteil, daß es unmöglich mit zwei Augen zu sehen ist. So sah keiner von uns alles . . .«

»Ein Junge weint nicht.«

»Der Oberst Gallus weinte, als 70 eigene Panzer, die nicht erwartet worden waren, 1943 einige Kilometer westlich seines bereits so gut wie verlorenen Haltepunktes erschienen. Er hatte geglaubt, er müßte seine verbliebenen Soldaten jetzt hier hoffnungslos festhalten. In Stalingrad weinte am 26. Januar der Rittmeister v. G., als drei Obergefreite seiner ehemaligen, jetzt aufgeriebenen Aufklärungsabteilung sich bei ihm meldeten; sie hatten sich von einer Einheit, der sie zwangsweise zugeteilt worden waren, unerlaubt entfernt. Noch am gleichen Abend nahmen die drei eine feindbesetzte Ruine ein, die den Gefechtsstand des Rittmeisters bedrohte.«
»›Seien Sie doch vernünftig‹, sagte Oberst i.G. Ali Mencken in der katastrophalen Rückzugsnacht von O. zu einem jüngeren Stabsoffizier im Hauptmannsrang, der sich nicht fassen konnte oder wollte. ›Was ist das für eine Vernunft‹, antwortete der Hauptmann, ›die die Leute davon abhält, in einer solchen Situation einfach auseinanderzulaufen?‹ Von dem Vorfall erfuhr niemand. Oberst Selle, der aus dem Kessel zuletzt im Flugzeug entkam, war nach seiner Genesung von Kameraden nicht zum Schweigen zu bringen. Auf offiziösen Gesellschaften begann er zu weinen; er erhob gegen die obere Führung Beschuldigungen, die er nicht beweisen konnte. Kameraden warnten ihn. Zuletzt verurteilte ihn das Kriegsgericht wegen Durchbrechung der verordneten Nachrichtensperre.«


► 19. November 1942

Kein Vorwärts. Kein Zurück. Unerwartet brechen die Russen an den Flanken der 6. Armee durch. Den Deutschen fehlt die Kraft. Der Angriff versickert in dieser riesigen Ruinenstadt.

 

 

 

► Wie ich Stalingrad entkam und wieder hineingelangte

Nach dem Heimaturlaub ging es zurück an die Front. Zeitzeuge Wigald Wüster berichtet.

 

 

 

► Die Divisionen sind regional zusammengesetzt

 

 

 

 

 

 


NACHDEM DIE BETEILIGTEN IN DIESEN HOFFNUNGSLOSEN WINTERKESSEL (UNTER MITNAHME TAUSENDJÄHRIGER ORGANISATION) GEFÜHRT WAREN, FIEL DIESE FÜHRUNG INFOLGE DER STÖSSE DES GEGNERS IN SICH ZUSAMMEN; FÜR WENIGE TAGE, WOCHEN – NÄMLICH BIS ZUR UNTERBRINGUNG UNTER DIE NEUE ORGANISATION DER GEFANGENSCHAFT ODER DES ERFRIERENS ODER SONSTIGER TODE – ERHIELTEN SIE FREIHEIT; HÄTTEN SIE SIE SEIT TAUSEND JAHREN ERFAHREN, WÄREN SIE NIE HIERHERGELANGT ODER HÄTTEN AUSWEGE GEWUSST. IN SOLCHE NOT KANN NICHT DIE NATUR BRINGEN.


► Heimkehr zur Batterie

Die letzte schussbereite Batterie der Division.

 

 

 

 

► Tage der Entscheidung: Der Führer macht Urlaub

Hitler ist 16,5 Tage fern von seinen wichtigen Stäben.

 

 

 

 

► Die 6. Armee

Ein militärischer Großverband. Der moderne Krieg ist arbeitsteilig organisiert. Eine Armee ist ein Organismus.

 

 

 

 


»NATUR, SONNE. ÜBER DIE AUGEN EINES VEREISTEN TOTEN AUF EINER ANHÖHE HABEN SICH KRÄHEN HERGEMACHT. IN DER STEPPE SIND VÖGEL UNGEWÖHNLICH. DIE KLEINE WEISSE SONNE, DIE DURCH EINE WEISSLICHE DUNSTSCHICHT ZU SEHEN IST, HAT DIE VERTRAUTE TÜNCHE ABGELEGT, HILFT NICHT. EIN TAGS OFFENER HIMMEL BRINGT UNBARMHERZIGE KÄLTE, LUFTMASSEN VON ASTRACHAN, DIE NICHT BEREIT SIND, SICH AUF MENSCHLICHE MASSE EINZUSTELLEN.«


► 24. November 1942

Wird die 6. Armee aus dem Kessel ausbrechen?

 

 

 

 

 

► Der Divisionspfarrer

Die Lage an der Ostfront ist für die deutschen Truppen im Winter 1942 bedrohlich. Mit welchen Worten versorgt zur Adventszeit der erfahrene Geistliche die Soldaten? Welchen Trost gibt es im untröstlichen Krieg? Divisionspfarrer Dr. theol. Fred Rabe berichtet. Peter Berling als Divisionspfarrer.

 


Nachrichtensperre 1943
Major Mengers von der Militärzensurstelle der Heeresgruppe in Taganrog

Bei Mengers wurden am 2. Februar 1943 sieben Säcke Post in die Büroflucht getragen, die von einer Heinkel-Maschine noch nach Noworossisk ausgeflogen worden waren. Die Nachrichten, auf Formulare, Klopapier, zerschnittene Geländekarten und sonstige Behelfe aufgezeichnet, lagen ausgebreitet auf den Tischen. Major Mengers’ Mannschaft schlitzte sechs Stunden und öffnete diese Post. Es erwies sich aber als nutzlos, mit den verschiedenen Schreibwerkzeugen, die zur Nachahmung der von den schreibenden ehemaligen Kämpfern benutzten Stifte, Federn usf. bereitlagen, Einzelstellen zu schwärzen. So ließ der Zensor die in den Briefen dargestellten Auffassungen nur auszählen:

2,1% zufrieden mit der bisherigen Kriegsführung
4,45% Zweifelnde
57,1% Ablehnende
3,45% Aufrührerische
33,0% indifferent
100,0%

Diese Post war nach Mengers’ Eindruck nicht zugangsfähig. Man hätte die Kategorien 1 (»Zufriedene«) und 5 (»indifferent«) passieren lassen können. So vorzugehen verletzte aber das Proportionsgefühl des Zensors. Er wäre sich wie ein Unterdrücker vorgekommen. Die Briefe wurden in die sieben Säcke zurückgepackt, lagerten eine Zeitlang im Keller, später wurden die Säcke in die Reichshauptstadt verlegt, drei wurden verbrannt, die anderen lagerten weiterhin in einem Abstellraum.


► Photographien aus Stalingrad

Von Wigand Wüster.

 

 

 

 

► Yuri Gagarin und die bayerische 7. Infanteriedivision

Die Geschichte eines Regimentmaskotchens.

 

 

 

 

► Ein Versuch nach Westen zu fliehen

Der beste russische Wärter war der meterhohe Schnee, der jede Flucht unmöglich machte.

 

 

 

 

 


DER REFERENT FÜR DIE VORBEUGENDE BEKÄMPFUNG VON FALSCHMÜNZVERBRECHEN IM REICHSJUSTIZMINISTERIUM, REGIERUNGSDIREKTOR KÖNIG, NICHT AUSGELASTET DURCH DAS REFERAT, PRÜFTE ALS HOBBY DIE FRAGE DES EIGENTUMS VON MENSCHEN AN IHREN EIGENEN ERFAHRUNGEN. ER HATTE EINE STELLE DES RÖMISCHEN RECHTSLEHRERS ULPIAN GEFUNDEN, DIE SICH AUF DAS EIGENTUM UND DIE ERBFÄHIGKEIT VON ERINNERUNGEN UND EIGENEN ERLEBNISSEN BEZIEHEN LIESS. SIE KÖNNEN NICHT IN DIESER FORM LOSSCHWADRONIEREN, SAGTE MINISTERIALRAT BÖTTCHER, MIT DEM SICH KÖNIG BESPRACH, UND BEHAUPTEN, DASS ZUM BEISPIEL EIN VÖLLIG GEHEIMER VORGANG, WIE DER UNTERGANG DER 6. ARMEE, IN PRIVATEIGENTUM DER OPFER, ODER WIE MAN ES NENNEN WILL, STEHT. DAS IST GEWISSERMASSEN ÖFFENTLICHES EIGENTUM, DA JA EIN SOLCHES UNGLÜCK IN ÖFFENTLICHER WEISE ÜBER DIE ARMEE HEREINGEBROCHEN IST.
DARAUS SCHLOSS ER AUF VÖLLIGE ZENSURFREIHEIT.

 


► Die Kapitulation der deutschen Soldaten

Wigand Wüster berichtet über die Gefangennahme von Soldaten und sich selbst richtende Offiziere.

 

 

 

 

► Fleckfieber

Die ärztliche Versorgung der Gefangenen war unzuverlässig.

 

 

 

 


Die Suche nach den einzigen beiden Originalzeugen des Kessel-Schlusses

Es hieß, daß noch am letzten Tag des Kessels Gruppen nach Westen oder Südwesten aus dem Kessel ausgebrochen seien. Marschrichtung: auf die 200 km entfernten deutschen Stellungen zu. Gerade über die Vorgänge an den letzten vier Tagen, an denen keine Flugzeuge mehr Landungen oder Ausfliegungen hatten vornehmen können, bestand im OKH Unklarheit. Oberstleutnant i.G. Hinz hielt sich deshalb in Dnjepropetrowsk, ausgerüstet mit einem Fieseler-Storch, bereit, um bei Ankunft etwaiger Zeugen an der deutschen Front diese sofort zu vernehmen und im übrigen sicherzustellen, daß sie nicht Unbefugten berichteten. Insbesondere sollte er auch vermeiden, daß sie z. B. einer SS-Behörde in die Hände fielen und Unglaubliches über Zusammenbrüche in der Militärhierarchie, die sich in den letzten Momenten abgespielt haben könnten, zu Protokoll gäben.
Ende Februar gelangte der Unteroffizier Vieweg 350 km westlich des Kessels zur deutschen Frontlinie. Von 20 Ausbrechern war nur er übrig. Er hatte keine Ahnung, was aus der 6. Armee geworden war, da die Gruppe schon in der Nacht zum 30. Januar von dort nach Westen abrückte. Wenige Stunden später, er hatte sich nur etwas ausgeruht, wurde er in einem Unterstand von einer russischen Granate zerrissen. Hinz, der auf einem 10 m Auslauf gewährenden Äckerchen landete, kam zu spät.
Anfang März kam der Soldat Horvath bei Woronesch zu den deutschen Linien. Auch er sagte vorsichtshalber, daß er nichts wisse. Er wurde zum Ic der Division weitergeleitet, Hinz benachrichtigt. Obwohl er anscheinend nichts zu sagen wußte, auch am 1. Februar, dem Zeitpunkt seiner Gefangennahme im Nordkessel (danach sei er aus der Marschkolonne der Gefangenen geflohen, konnte hierfür aber keine Beweise beibringen), offensichtlich nur Eindrücke aus seiner engsten Umgebung erhalten hatte, die über das Schicksal der 6. Armee nichts besagten, war Hinz mißtrauisch, ob es sich hier nicht überhaupt um einen Agenten handelte, der vom Gegner zur Verbreitung von Gerüchten eingeschleust war. Der Mann wurde isoliert gehalten, später in einer Nervenklinik untergebracht.


► In russischer Gefangenschaft

Nach der Kapitulation wurden die Kriegsgefangenen zu Zwangsarbeitern.

 

 

 

 

► Mussolinis Interesse an der Ostfront

Die Gier nach der Beute kommt mit dem Vormarsch

 

 

 

 


Notizen, die in den Sachen des gefallenen Hauptmanns F. aufgefunden wurden

Die Frau des Gefallenen fand in einer der Taschen auf Zetteln Notizen mit folgendem Wortlaut: »Es klappt noch . . .« »Schweigsam und stumm, aber nicht abgebrüht . . .«
»Jos. Held, System des Verfassungsrechtes, Würzburg 1856, I, S.109ff. Interessant, daß Held den eigenartigen Sinn des Wortes »Volk« erkennt, der im Negativen liegt; zum Volk gehören diejenigen, die nicht regieren und nicht Behörden oder Magistrate sind usw.«
»§ 81, Ziffer 2 des Deutschen Reichsstrafgesetzbuches von 1871: Hochverrat ist der Versuch, die Verfassung gewaltsam zu ändern . . .« »Verfassung = Armeestab. Könnte von meiner Kompanie ohne weiteres verhaftet werden, würde die Verfassung nicht ändern, daher Maßnahme kein Hochverrat.« »Verfassung = Versorgung = einige Matschbrote zentimeterweise so oder anders zu schneiden durch stellvertretenden Divisionsversorgungsführer = so gut wie nichts.« »Muß Frieden machen.« »Staat theokratisch fundiert. D.h., wenn kein Wunder hilft, auch kein Staat.«
Die Frau des gefallenen Hauptmanns wußte, worum es sich bei den Notizen handelte, nämlich um Entwürfe für eine Dissertation, die der Gefallene, falls er im Frühjahr Urlaub hätte, an der Reichsuniversität Straßburg bei Prof. H. einzureichen gedachte. Sie sandte die Unterlagen an den Universitätslehrer.


► Das Bündnis mit Italien geht an der Ostfront zu Bruch

Die italienische Armee leidet am Mangel an aktiven Unteroffizieren.

 

 

 

 

 

► Rückkehr Hitlers zur vom Obersalzberg zur “Wolfschanze” in Ostpreussen.

 

 

 

 

 


Der Blick des Basilisken

Ich muß, sagt Heiner Müller, um das Prinzip zu erklären, warum Stalingrad einerseits historisch notwendig, andererseits, vom Menschen betrachtet, so überhaupt nicht nötig war, eine fiktive Geschichte erzählen.
Der Hauptmann Slopotka, von Geburt Wiener, wurde durch Schlamperei des militärischen Apparats noch in den ersten Januartagen des Jahres 1943 nach Stalingrad versetzt. Die ihn im Oktober durch Aktenvermerk versetzt hatten, wußten nichts vom Kessel. Im Schneesturm landete er auf dem Flugplatz Pitomnik. Tage zuvor hatte er noch in Catania im winterlich warmen Mittelmeer gebadet.
Alle Lernprozesse im Kessel von Stalingrad hatte er versäumt. An der Ausmergelung der Körper, die schon im September im Verwaltungswege begann, hatte er nicht teilgenommen. Mit frischem Blick kam er jetzt in den Kessel. Den gleichen Zustand des Mutes hätte eine Fallschirmjäger-Division gehabt, die, mit spezieller Winterausrüstung versehen, reichlich im Besitz von Munition auf der Winterfläche abgesprungen wäre und die Verteidigung von Stalingrad bis Anfang März garantiert hätte.
Slopotka entsetzte der gewissermaßen doktrinäre Glaube der Kameraden ans eigene Unglück, erzählte Müller, lebhafter werdend. Sogleich übernahm er als Transportoffizier den Befehl über den Schneeschippdienst auf dem Hilfsflughafen Stalingradski. Es sollten, nach einer Anregung des Luftwaffenfeldmarschalls Milch, fünf bis sieben Flugplätze im Kessel, und zwar innerhalb von drei Tagen, neu geschaffen werden. Slopotkas Elan, der nur darauf beruhte, daß er aus einem anderen Realitätsstrom hierhergelangt war, übertrug sich auf die kleine Mannschaft. Er riß sie mit. Er beschaffte Verpflegungsrationen direkt vom Flugplatz Pitomnik. Er hatte vor, das Ingenieursdiplom im nächsten Jahr zu erwerben und wollte auch eine Pilotenausbildung für Transportflugzeuge absolvieren.
Mehr als den engsten Umkreis des kleinen Hilfsflughafens, der noch den Zustand aufwies, in welchem die Russen ihn im Herbst verlassen hatten, erreichte Slopotkas klarer Geist nicht. Schon die Funker in Pitomnik, die die Sprechfunkverbindung zur Absprungbasis der Flugzeuge außerhalb des Kessels aufrechterhielten, waren aus ihrer Lethargie nicht zu lösen. So wurden auf die freigeschaufelte Landebahn keine Transportmaschinen dirigiert.
Am 24. Januar wurde die von Slopotka eingerichtete Kleinstgruppe überrollt. Die Rote Armee kümmerte sich nicht um den Seelenzustand derer, die sie links oder rechts umging, tötete oder gefangennahm. Slopotkas Leichnam lag in einer Gruppe von Toten, an einen geschichteten Schneehaufen angelehnt, nur dadurch von den übrigen Toten unterschieden, daß die Fettschicht unter seiner Haut noch intakt schien.
Stichwort: BASILISKENBLICK, sagt Müller. Die Kaufleute in den Niederlanden, auf dem Gebiet der Macht nicht bewandert, sahen zu, wie der Herzog von Alba den Grafen Egmont hinrichten läßt. Sie lesen die Zeichen nicht. So kapitulierte die DDR. Gestern besuchte mich Valentin Falin, fuhr Müller fort. Falin war ja selbst nicht in Stalingrad. Er hat aber wohl jede Zeile darüber gelesen in den Geheimpapieren des Kreml. Die russischen Befehlshaber, heißt es dort, nahmen an, sie hätten in ihrer überraschenden Aktion 86 000 Mann umzingelt. Tatsächlich waren es 300 000. Es waren in der Umzingelungsfront zahlenmäßig nie mehr Truppen versammelt, als sich Deutsche im Kessel befanden. Was bewirkt, daß eine Armee des Blitzkriegs sich binnen zwei Monaten für wehrlos erklärt? Die Schlachtentscheidung, sagt Müller, liegt auf der subjektiven Seite.


► Hitlers Panzerdivision

In der Kesselschlacht von Stalingrad

 

 

 

 

 


Mehr Filme zu diesem Thema finden Sie in unserer Schleife STALINGRAD