Neu im Catch-up Service: Ein Dämon names Atomare Gewalt wacht wieder auf

Georg Mascolo auf der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) 2018

Die nukleare Waffe ist nur zweimal tatsächlich eingesetzt worden: in Hiroshima und in Nagasaki im Jahr 1945. Der öffentliche Eindruck der furchtbaren Zerstörungskraft war so stark, dass die Atomwaffe in keinem der späteren Konflikte des Kalten Krieges praktisch wurde, obwohl dies von Militärs mehrfach vorgeschlagen war. Im Kalten Krieg funktionierte die wechselseitige Abschreckung bis zur Wende von 1989. Danach schien der Dämon Atomwaffe zwischen den Großmächten endgültig gezähmt.

Dieses Gleichgewicht ist neuerdings gefährdet. Die Ankündigung einer neuen atomaren Rüstungsspirale zwischen den USA und Russland und ebenso die Krisenherde Iran, Nordkorea (und auch Pakistan, das mit Indien streitet ist Atommacht) lässt neue Gefahrenherde erkennen. Besonders riskant ist dabei die Herstellung minimalisierter Atomwaffen, die dadurch praktisch einsetzbar erscheinen. Tatsächlich gibt es aber keine Brandmauer zwischen „kleinem“ und „großen“ atomaren Krieg.

Die Debatten der Münchner Sicherheitskonferenz von 2018 haben die starke Beunruhigung über den Verfall vertrauter Sicherheitsstrukturen ausgedrückt. Von einer Chaotisierung und von Disruption in unserer Welt war die Rede. Die Zeichen neuartiger atomarer Konfliktpotentiale standen dabei im Vordergrund.

Der erfahrene Journalist Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbundes NDR/WDR/SZ, berichtet von seinen Eindrücken auf der Münchner Sicherheitskonferenz, dem jährlichen Treffen maßgebender militärischer und politischer Entscheider, oft erbitterte Gegner, die nur auf den Podien dieser Konferenz miteinander sprechen.

Begegnung mit Georg Mascolo.

► Ein Dämon names Atomare Gewalt wacht wieder auf (10 vor 11, Sendung vom 09.04.2018)


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► Trump klopft ans Tor der Welt

Die drei Fragen nach Post-Truth? Post-Fact? Post-West? (Ist der Westen am Ende, die Nato vor der Auflösung?) standen im Mittelpunkt der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz. Der Schatten des neuen U.S.-Präsidenten lag über der Versammlung, zu der mehr als 100 Regierungschefs, Militärs und Wirtschaftsführer sich versammelt hatten.
Der Leiter des Investigationsverbunds WDR, NDR und SZ, Georg Mascolo, das Mitglied der Chefredaktion der ZEIT, Holger Stark (er erlebte die vier letzten Jahre in den U.S.A.) und der Strategiespezialist Bruno Lezzi von der NZZ berichten.


► Die Grauwerte des 21. Jahrhunderts

Georg Mascolo, früher Chefredakteur des SPIEGEL, leitet inzwischen den Recherche-Verbund NDR, WDR und SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, dem die Öffentlichkeit einen positiven Schub an investigativem Journalismus verdankt. Wie arbeitet dieser Verbund? Wie lässt sich aktiver Journalismus in der unübersichtlichen Krisenwelt des 21. Jahrhunderts intensivieren?

Dass es Terror und Selbstmordattentäter gibt ist, seit den Anfängen in Ceylon in den 80er Jahren bei den Tamil Tigers, ja seit der Zeit der Kreuzzüge, in denen die Assassinen als Mörder auftraten, nicht neu. Dass selbstmörderischer Terror dieser Art aber als Massenphänomen und unter Beteiligung junger Europäer stattfindet, und Ziele wie in Paris am 13. November 2015 und in Brüssel im März sucht, ist dagegen eine bestürzende neue Erfahrung. Ähnliches gilt für Konfliktherde wie in Zentralafrika, der Ost-Ukraine und im Nahen Osten und für die Fluchtbewegungen nicht nur in Europa, sondern fast überall in der Welt.

Das 21. Jahrhundert erweist sich als eine Zeit der Unübersichtlichkeit. Auf diesem Hintergrund sind investigative Recherchen, die z.B. die groteske bürokratische Struktur des Islamischen Staates aufdeckten, von größter Bedeutung. Ebenso wie Untersuchungen zu einem No-Spy-Abkommen zwischen den U.S.A. und der Bundesrepublik. Andere Nachrichten handeln davon, dass deutsche Waffen in Kurdistan auf dem freien Markt auftauchen. Zu den gefährlichsten Krisen gehören die Konfliktfelder auf der Welt, an denen unmittelbare Kriegsgefahr besteht, falls eine der Parteien ausrastet.

Als erfahrener Journalist betont Georg Mascolo wie schwer es ist, Voraussagen zu machen. Die Realitäten in unserer Welt sind stets für Überraschungen gut. Umso gründlicher muss recherchiert werden. Ein Haupteindruck unserer Welt geht von deren Beschleunigung aus. Georg Mascolo rät, diese Beschleunigung zumindest bei der Publikation von Urteilen nicht zusätzlich anzutreiben, sondern sich gerade hier auf der Ebene der Einordnung und der Meinung zurückzuhalten. „Facts should sit again in the driver’s seat“.

Wir treffen Georg Mascolo auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2016.


► Im Minenfeld der Geschichte

Auf der MSC treffen sich jährlich Regierungschefs, Verteidigungs- und Außenminister, Militärexperten und Wirtschaftsführer von allen Kontinenten. Auf den Podien geht es um die Krisen der Welt und deren Lösung. Die Konferenz ist auch Gelegenheit für zweiseitige Gespräche und Verhandlungen. So fand hier am Vorabend eine wichtige Einigung zwischen den USA und Russland über den Friedensprozess in Syrien statt.

Die Stimmung der diesjährigen Tagung war durch großen Ernst charakterisiert. In der Rede des russischen Premierministers Medwedew war die Rede von einem bereits ausgebrochenen NEUEN KALTEN KRIEG, der auch in einen heißen Konflikt übergehen könne.

Regionale Machtgruppen und zwei Großmächte sind in Syrien am Werk. Die Migrationsströme (nicht nur aus dieser Konfliktzone) haben Europa unvorbereitet getroffen. Der Konfliktherd in der Ost-Ukraine ist eingedämmt, aber längst nicht „eingefroren“. Im chinesischen Meer bereitet sich eine Konfrontation zwischen China und den USA vor. Die Weltsituation ist in vieler Hinsicht unübersichtlich.

Wir treffen auf den Sprecher der „Syrischen Hohen Delegation (HSC)“, auf Prof. Dr. Charles Kupchan, den Direktor für europäische Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses, auf Dr. Fiona Hill, Russlandexpertin und Putin-Biografin von der Brookings Institution in Washington, auf den leidenschaftlichen Journalisten Georg Mascolo und den Schweizer Generalstabsoffizier und Journalisten Dr. Bruno Lezzi.

Entgegen vielen Erwartungen glückten im Jahr 2015 diplomatische Durchbrüche in der Frage der iranischen Atomrüstung, in der Sache eines grundsätzlichen Fahrplans für Gespräche in der Syrien-Frage und, ebenso überraschend, im Dezember in Paris ein Anfang zu einer weltweiten Einigung zum Klima-Problem. Diese Lichtblicke stehen in einem ungleichen Verhältnis zur Zahl der „eingefrorenen“ und „heißen“ Konflikte, die rasant zunehmen. Die Weltkugel verfügt derzeit über zu viele Minenfelder.

Eindrücke auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2016.