Neu im Catch-up Service: Der Teufel im Dorf

Barrie Kosky inszeniert die Gogol-Oper DER JAHRMARKT VON SOROTSCHINZY von Modest Mussorgski

Der geniale russische Komponist Mussorgski ist dafür bekannt, dass er viele „letzte Fragmente“ hinterlassen hat. Eine umwerfend singuläre und groteske Oper, die als seine allerletzte gilt, nicht in allen Akten vollendet, wurde an der Komischen Oper Berlin von deren Intendanten inszeniert und völlig neu herausgebracht. Die Arbeitsfreundschaft zwischen Nikolai Gogol, dem Dichter der kühnen Absurdität und des Surrealismus, mit der energetischen Musik Mussorgskis hat hier ein ganz besonderes Werk entstehen lassen. In der Handlung geht es darum, dass der Teufel einem (offenbar jüdischen) Pfandleiher im Dorf Sorotschinzy eine rote Jacke zum Pfande gab. Der Pfandleiher hat die Jacke verkauft. Jetzt sucht der Teufel das Dorf heim und will seine Jacke zurück. Der feste Aberglaube, intensive Liebesgefühle, und die Hauptperson der Oper, das turbulente Volk, routieren umeinander in einer sich im 2. Akt umwerfend verknotenden Dramatik.

Dies ist ein besonderes geglückter Fund der Komischen Oper Berlin, deren innovative Arbeit allgemein so auffällt, dass dem Intendanten Barrie Kosky die Nachfolge des Staatsintendanten der Bayerischen Staatsoper München angetragen wurde, die er ablehnte, weil er das rücksichtslose Aufspüren besonderer Schätze in Operette und Oper so liebt, sodass er für „Staatstheater“ sich nicht zur Verfügung stellt.

► Der Teufel im Dorf (10 vor 11, Sendung vom 29.01.2018)


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► Pfeile, die ins Auge treffen

Wagners frühe Große Oper TANNHÄUSER enthält bereits alle Elemente, die ihn in seinen späteren Werken beschäftigten: seelischen Zwiespalt, ketzerische Abgründe, Buddhismus, Fluch und Erlösung. Trotzdem war Richard Wagner mit seinem Werk, das er mehrfach umarbeitete, nie zufrieden. Unmittelbar vor seinem Tode äußerte er: „Ich schulde der Welt noch einen TANNHÄUSER“. Gerade eine solche Baustelle, ein Rohbau, enthält für uns im 21. Jahrhundert offenes Material, in dem sich spannende Fundstücke finden.

Der Regisseur Romeo Castellucci hat an der Bayerischen Staatsoper dem TANNHÄUSER eine überraschende neue Deutung gegeben. In seiner Inszenierung sind Raum und Zeit ebenso wichtig wie die handelnden Personen. Es geht ihm um die Anfänge der Menschheit. Eine Welt 40.000 Jahre vor Christus, mit der „Venus von Willendorf“, trifft auf eine mittelalterliche Adelsgesellschaft, die ihre Brutalität im Gewande der Kunst vorführt. „Worte sind wie Waffen.“ Die Minnesänger und Ritter sind in dieser Inszenierung zugleich Künstler, Kopfjäger und Bluttäter. Tannhäuser wird mit dem Blut eines erlegten Hirschen für die Aufnahme in die Gruppe getauft. Mit gleicher Gewalt wird er dann beim ersten freien Wort aus dem Kreis der Zivilisierten vertrieben.

„Erst als Sternenstaub finden die Liebenden, Tannhäuser und Elisabeth, zueinander.“ Eine zentrale Rolle spielen in der Oper die Pfeile, von jungfräulichen Amazonen geschossen. Die Pfeile treffen Auge und Ohr zielgenau. Aber – wie in der Paradoxie des antiken Philosophen Xenon – bleiben sie auch zwischen Schützinnen und Ziel in der Luft bewegungslos stehen. „Ein Weg, der seine Richtung ganz verloren hat.“

Anja Harteros und Klaus Florian Vogt als Elisabeth und Tannhäuser in stimmlicher Hochform. Eine Glanzleistung der Ära Bachler.


► Castorfs Faust 2017

Frank Castorf inszenierte erst die Faust-Oper von Charles Gounod an der Staatsoper Stuttgart und im Anschluss daran Goethes Faust in einer frischen und modernen Sprechtheaterversion an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Man wundert sich nicht, dass die Hauptdarstellerin, die Gretchen und Helena spielte, Valery Tscheplanowa, zur Schauspielerin des Jahres 2017 und die Volksbühne zum „Theater des Jahres“ gewählt wurden.

In einer grandiosen Szene zwischen Faust (Martin Wuttke) und dem Weltgeist (Sophie Rois) und – in der gleichen Besetzung – in der berühmten Nachtszene zwischen Faust und seinem Famulus Wagner, wird Goethe erstmals in eine Sprechweise des 21. Jahrhunderts katapultiert. Der Klassiker Goethe zeigt sich als ein Mammut des Sprechtheaters. Die Grenzen zwischen Komödie, Tragödie, großer Oper und Dokument werden niedergerissen. Das ist große Kunst und zugleich pure Gegenwart.

Die ausgewählten Szenen aus dem auf sieben Stunden (bis spät in die Nacht) angelegten Riesentheaterstück werden ergänzt durch Szenen aus dem Stummfilm-Faust von G. W. Murnau von 1926.


► Zarathustras Kampf mit der Finsternis

Der Kampf zwischen Gut und Böse ist Thema der Künste und Religionen seit vielen Millionen Jahren. In der persischen Überlieferung, die im Zeitalter der Aufklärung in Europa stark debattiert wurde, steht Zarathustra (in Mozarts Zauberflöte„Sarastro“), der Prophet der Lichtwelt für das Gute. Der Gegengeist dazu heißt Ahriman. Er steht für die Finsternis und das Böse.

Der geniale Opernkomponist Jean-Philippe Rameau, der mit Voltaire zusammenarbeitete, fesselte dieser Stoff. 1749 kam seine Oper Zoroastre heraus, die ein Erfolg war. Jetzt hat Tobias Kratzer diese Oper in Berlin neu inszeniert. Die Archetypen Zarathrustra und Ahriman, auch Rivalen um zwei Frauen, leben nach sechstausendjährigem Kampf in einem Neubauviertel als Nachbarn. Das ist zu viel Nähe. Schon ab drittem Akt: Bürgerkrieg. Zuletzt liegt der Vertreter des Bösen, Ahriman, tot im Garten. Zarathustra bekommt die Braut, wird aber nicht glücklich.

Eine Glanzleistung der Komischen Oper Berlin. Eine verblüffend packende Musik transportiert eine Debatte der Aufklärung plausibel in die Jetztzeit des 21. Jahrhunderts.


► Die Oper der riskanten Verkleidung

Die letzte Oper, die Händels Gesamtwerk abschloss, stützt sich auf eine Episode aus Ariosts RASENDEM ROLAND. Es geht um eine sonst in der Opernliteratur nicht bekannte Handlung: um Menschen und ihre Kleider. Steckt das Schicksal, der Tod und die Liebe in den Kleidern oder eher in den Herzen der Menschen? Der große Musiker Händel antwortet wirksam darauf, indem er zeigt, dass in den Verkleidungen der Teufel im Detail wohnt.

Die Staatsoper Stuttgart hat in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito aus der Barockoper eine hochaktuelle „comedia umana“ gemacht. Die Regisseure verbinden Händels Oper mit der Kritik, die der Aufklärer Jean Jaques Rousseau an Opern, Theater, Kostümen und Verkleidungen überhaupt übte („unnatürlich“).

Ein König von Schottland hat eine Tochter. Sie liebt den Helden Ariodante und er liebt sie. Dem „bösen Mann“ im Stück, einem Herzog, gelingt es, die Dienerin der Königstochter in deren Kleider zu stecken und sowohl sie wie die Königstochter zu kompromittieren. Nach schottischem Gesetzt muss jetzt der König seine Tochter, die ihre Ehre verlor, töten.

Eine epochale Leistung der Staatsoper Stuttgart. Ein musikalisch und in dieser Inszenierung auch inhaltlich substantielles Letztwerk Händels. Mit der fulminanten Sängerin Ana Durlovski als Königstochter Ginevra.


► Russland und die Deutschen

Die Geschichte Russlands und Deutschlands in den vergangenen 300 Jahren kennt Zeiten großer Faszination aber auch Zeiten erbitterter Feindschaft. Die Zarin Katarina die Große war eine deutsche Prinzessin aus dem Hause Anhalt-Zerbst. Die Zarin holte die besten Gelehrten Deutschlands und der Schweiz an ihre Petersburger Akademie. Ihr Sohn Alexander war es dann, in dessen Dienst sich die Elite des preußischen Militärs nach der Niederlage Preußens begab und der Europa von Napoleon befreite.

Wenige Beziehungen zwischen Nationen waren so wechselhaft wie die zwischen Russland und Deutschland. Ende des 19. Jahrhunderts ist die Faszination, die von der russischen Dichtung, z.B. von Dostojewski, ausging, unbeschreiblich. Parallel zu diesem Auf und Ab der wechselseitigen Beziehungen kann man sehen, wie Alexander von Humboldt den Ural und das Innere Russlands erkundet und den Reichtum an Smaragden und Diamanten als Erster entdeckt. Neben den aggressiven Begegnungen wie sie im Zweiten Weltkrieg stattfanden gibt es eine faszinierende Hinwendung zum Geheimnis der russischen Weiten, geografisch, ökonomisch und spirituell, von deutscher Seite.

Katja Gloger, Publizistin beim STERN, beschreibt diese Suche nach dem „russischen Geheimnis“ in ihrem neuesten Buch.