In Gedenken an Hans Dieter Müller

Hans Dieter Müller, literarischer Lektor, Autor, Politiker und zuletzt Mitbegründer der Universität Bremen, gehört zu den Menschen, die seit den 60er Jahren den Flügel der Neuerer in der Bundesrepublik angeführt haben. Er war mein Freund. Er brachte mein erstes Buch, die Lebensläufe, heraus, und hat bis zu seinem Tode in den Pyrenäen am 06. Juli 1986 alle meine Arbeiten begleitet, die Filme und die Bücher.

Seine Dokumentation des Anfangs der Protestbewegung, der Film RUHESTÖRUNG und seine Filme über den studentischen Protest und die Universitätsreform an der Universität Freiburg, die er als einer der drei Leiter des Instituts für Filmgestaltung herstellte, sind legendär.

Sein Buch DER KOPF IN DER SCHLINGE über die Situation, wenn die Welt in einen Vorkrieg hineinschlittert, ist im ersten Regierungsjahr von Donald Trump von äußerster Aktualität.

Am 01. Mai 2017 wäre Hans Dieter Müller 90 Jahre alt geworden.

Alexander Kluge

 

Ein Mann geballter Entschlossenheit

Wegen eines Rückzugbefehls, durch den er die Truppe gerettet hatte, war sein Vater, ein Offizier, vom Kriegsgericht verurteilt worden. Die Nachricht davon erreichte den Schüler während einer Turnstunde in der Napola Ballenstedt. Als er Ende April 1945, eingezogen als Seeoffiziersanwärter, Uniform und Waf­fen in aussichtloser Lage vergräbt, bleibt in ihm etwas Unerle­digtes zurück, ein großer Ernst, eine Einsatzbereitschaft, die nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun haben, sondern mit der Schande des Vaters (auch wenn dieser inzwischen zum Ein­satz in einer Bewährungseinheit begnadigt wurde und gefallen ist).

Wie blickt man mit dem Auge von Ende 1945 auf die Möglich­keit des Dritten Weltkriegs? Es geht um die Zeit des Raketen­schachs der achtziger Jahre. Als Vorsitzender eines SPD-Unterbezirks legte unser entschlossener Mann sich 1982 mit dem Bundeskanzler Schmidt an, als dieser zu Besuch in seine Stadt kam. Er beschuldigte den Kanzler vor der Versammlung der Genossen des Unterbezirks des »Versagens im Vorkrieg«.

Daß man die Vorbereitung von Kriegen unterminiert: Das hielt er, der inzwischen eine Familie begründet hatte, für sein Le­bensziel. Man kann, meinte er von ganzem Herzen, diese Hal­tung auch dann verwirklichen, wenn das eigene Land gar nicht mehr gefragt wird und die Entscheidungen in den Zentralen der Großmächte fallen. Was aber dazu nötig ist, sich in einer so wichtigen Frage nicht ohnmächtig zu fühlen, ist das Beharren auf dem ERFAHRUNGSRAUM. Der hatte sich für ihn aus den zeitlich engen Szenen von 1945, die er erlebt hatte, stetig erwei­tert. Ein ERZÄHLRAUM von vier Generationen (er war En­thusiast und Praktiker der Literatur) schien ihm ausreichend (und schwer genug herstellbar), wenn es darum ging, die »Täu­schung durch die eigenen Leute« zu durchschauen und dem »Vorkrieg« zu begegnen. In ihm steckte mehr Willenskraft, als sein träger Körper aushalten konnte. An der stoßweisen Über­forderung, die ihn vorantrieb, starb er an einem ersten Ur­laubstag (die Krise des Kalten Kriegs war vorüber) auf einer Wanderung in den Pyrenäen im Weststurm.

 

Filmausschnitt aus “Vermischte Nachrichten”