Neu im Catch-up Service: Schatzkiste Sprache

Prof. Dr. Ernst Kausen: „Alle 10 Tage stirbt auf der Welt eine Sprache“

Es gibt etwa 6.000 Sprachen auf der Erde. Einige gehören zu großen Sprachfamilien und deren Verzweigungen. Andere sind einzigartig und erscheinen wie Inseln. Alle Sprachen aber, unabhängig vom historischen Entwicklungsstand ihrer Sprecher, besitzen eine vergleichbare Komplexität.

Der Reichtum einer Sprache kann im Wortschatz liegen, in der Grammatik oder in der Phonetik. Es gibt Sprachen, die eine uns Europäern völlig unbekannte Verschiedenheit von Lauten besitzen. Das „Alphabet“ einer Sprache kann aus 160 Konsonanten bestehen, ungerechnet die Vokale. In anderen Sprachen ist die grammatische Flexibilität besonders entfaltet. So gibt es im Griechischen der Antike den Modus des Optativs, der Wunschform, den wir im heutigen Europa nur umschreiben könnten: eine Grammatik der Utopie. Und im Baskischen gibt es für den Modus der Arbeit den ERGATIV, eine eigene grammatische Form, in der der Sprecher seine übrigen Tätigkeiten von der ernster Arbeit absetzt.

Die meisten Sprachen auf engstem Raum existieren in den abgeschotteten Tälern von Neu-Guinea: über 1.000. Die meisten Sprachen auf weitem Raum findet man auf dem afrikanischen Kontinent. Die menschliche Sprache entstand ursprünglich in Afrika. Wenig bekannt ist, dass die meisten Afrikaner dreisprachig leben: sie sprechen ihren Heimatdialekt, eine der afrikanischen Verkehrssprachen wie Suaheli und die Kolonialsprache. Was die Kolonialsprache betrifft, kann man für Westafrika von Latein-Afrika sprechen.

Um den letzten Sprecher einer aussterbenden Sprache, manchmal sind das drei oder auch nur eine Person, versammeln sich Sprachscouts von den besten Universitäten der Welt. Sie suchen den verwehenden Schatz noch rechtzeitig zu bergen. Permanent entstehen auch neue Sprachen. Nach Isolierung von einer ursprünglichen Sprachgemeinschaft braucht es etwa 500 Jahre, dass eine neue Sprache sich abgrenzt und stabilisiert.

Die zwei Bände, die der Mathematiker und Sprachforscher Prof. Dr. Ernst Kausen den Sprachfamilien der Welt gewidmet hat, sind gemeinsam so dick wie vier Backsteine. Kausen sammelt den Reichtum der Sprachen wie die Brüder Grimm Märchen sammelten.

► Schatzkiste Sprache (News & Stories, Sendung vom 21.02.2017)


Literaturempfehlung

Ernst Kausen: Die indogermanischen Sprachen: Von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart

Konzeption: Die größte Sprachfamilie der Welt umfasst etwa 300 Sprachen, darunter auch unsere Muttersprache. Dieses Buch bietet eine Einführung in die Vorgeschichte, Geschichte und Gegenwart der indogermanischen Sprachen und ist auch ohne linguistisches Fachstudium lesbar.

Aufbau: Nach einer kurzen Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft und einem Überblick über die indogermanischen Sprachen in ihrer Gesamtheit sowie über die wesentlichen Merkmale der rekonstruierten Protosprache folgen elf umfassende Einzelkapitel, die den einzelnen Zweigen des Indogermanischen gewidmet sind. Dabei wird den besonderen strukturellen und historischen Bedingungen der einzelnen Sprachzweige durch individuelle Schwerpunktsetzungen Rechnung getragen. Alle Kapitel enthalten einen Überblick über die soziolinguistische Situation der Einzelsprachen, konkrete Angaben zu Sprecherzahlen und Verbreitungsgebiet, die interne Gliederung des Sprachzweiges, die Geschichte der Migrationen in die heutigen Verbreitungsgebiete, eine Darstellung des sprachlichen Erbes aus dem Urindogermanischen sowie Kurzgrammatiken ausgewählter Einzelsprachen.
Der Anhang bietet ein aktuelles Literaturverzeichnis, ein Glossar der verwendeten linguistischen Fachbegriffe sowie umfangreiche Register.
Die Darstellung der einzelnen Sprachzweige mit einer Vielzahl an Sprachbeispielen, tabellarischen Übersichten und grammatischen Skizzen ermöglicht einen anschaulichen und übersichtlichen Zugang zu Historie und Gegenwart der indogermanischen Sprachen und macht das Buch gleichzeitig zu einem umfassenden aktuellen Nachschlagewerk.

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► Im Mantel der Nacht

Reinhard Jirgl, Jahrgang 1953, ist Träger der bedeutendsten deutschen Literaturauszeichnung, des Georg-Büchner-Preises. Seine Romane sind für die Dichte ihrer Sprache und ihren reichen Erfahrungsgehalt bekannt.

Was bedeutet für diesen Dichter die Abenddämmerung und die Nacht? Wie würde er eine Morgenröte bedichten? Was fesselt ihn an Hölderlin oder Edgar Allan Poe? Was löst der Sternenhimmel bei ihm an Phantasien aus?

Ein Werkstattgespräch zwischen Alexander Kluge und Reinhard Jirgl. Zwei Autoren. Wie schreibt man in unserer Zeit Texte, die die so verschiedene Idole wie Heiner Müller, Arno Schmidt, Gottfried Benn, Ernst Jünger fortsetzen? Was sind vorrangige Themen im 21. Jahrhundert?

Einer von Reinhard Jirgls Romanen, „Nichts von euch auf Erden“, wurde kürzlich zu einem Drama umgearbeitet und mit Erfolg auf der Bühne aufgeführt. Es geht darum, dass Menschen mit Gewalt den Mars für eine menschliche Besiedlung herzurichten suchen. Die aggressive Aktion wirft, statt den Mars bewohnbar zu machen, den Marsmond Phobos aus seiner Bahn. Der Mond stürzt auf unsere Erde und vernichtet sie. Wie vor 4 Milliarden Jahren muss das Leben auf unserem Planeten vom Einzeller aufwärts neu anfangen.


► Gebärdensprache

Julia Probst ist eine der sichtbarsten Aktivistinnen für Gehörlose. Im Gespräch mit Philip Banse erklärt @einaugenschmaus, wie sie sich eine Gesellschaft vorstellt, in der Menschen, die schlecht oder gar nicht hören können, zuhause sind.

 
 
 
 
 


► Der Mensch lebt nicht vom Wort allein

Menschen können mit Hilfe ihrer Kehle zur gleichen Zeit entweder essen oder sprechen. Und doch gehört das Reden beim Essen zu den Konventionen mit hohem Ausdruckswert. Zur Sprache gehören nämlich nicht nur die Worte, sondern vor allem auch die Gesten, die Sitten, die Umstände und die Geselligkeit.

Prof. Dr. Angelika Linke, Sprachforscherin an der Universität Zürich und Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, über die Sprachen der Geselligkeit.