Heute Abend im TV: Die Nase des Sokrates (06.03.2017, 0:30 Uhr bei 10vor11 auf RTL)

Prof. Dr. Luca Giuliani: „Schönheit hebt ihr hässliches Haupt“
Es gibt zwei Skulpturen des Sokrates, die uns Heutigen sein Aussehen einprägen. Die Archäologen sprechen von dem Sokrates Typ A und Typ B. Der erste Typus wurde in Form einer Statue zu einem Zeitpunkt nach der Verurteilung zum Tode aufgestellt, als Sokrates in Athen etwa so beliebt war wie die Rote Armee Fraktion bei den Obrigkeiten der Bundesrepublik. Es ist eine Statue des Protestes. Auf sie beziehen sich zwei Stellen in den Dialogen des Plato und den Schriften des Xenophon, die das Aussehen des Sokrates beschreiben. Der Typ B, der später Allgemeingut wurde, ist von dem Typ A geprägt.
Entgegengesetzt zu dem in der Antike dominierenden Idol, dass die Schönheit und Wahrheit der Gedanken sich in Schönheit des Körpers und ebenmäßigen Gesichtszügen ausdrückt, sind diese posthumen Bilder des Sokrates den Satyrn nachempfunden: Knubbelnase, Wulstlippen, eigentlich ein hässliches Gnomengesicht.
Prof. Dr. Luca Giuliani, Archäologe und Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin deutet diese Züge als Abbild des Satyrs Marsyas. Dieses Musikgenie trat in Wettbewerb mit dem grausamen Gott Apoll: wer ist der Beste? Schiedsrichter waren die ungerechten Musen, Handlangerinnen des Apoll. Durch Schiedsspruch besiegt wurde dem Marsyas am lebendigen Leib die Haut abgezogen.
Offenbar, sagt Luca Giuliani, haben die Anhänger des Sokrates provokativ dieses Abbild geschaffen. Als plastische Kritik an den 500 Richtern, deren Mehrheit ihren klugen Meister, den Herrscher der Dialoge, zu Tode brachte. Die Statue ist eine Regelverletzung aller klassischen Ideale aus Protest. Wir haben kein Bild davon, wie Sokrates wirklich aussah. Wir wissen nur in welche Form die engsten Jünger den verehrten Meister kleideten.
Ein Stück lebendiger Archäologie. „Schönheit hebt ihr hässliches Haupt“ ist ein Zitat aus den LICHTENBERG FIGUREN des New Yorker Dichters Ben Lerner.
 

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► Der Prozess des Sokrates
In Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern widmete Ferdinand von Schirach in Berlin dem Tod des griechischen Philosophen Sokrates einen starken musikalisch-poetischen Abend. Von dem Prozess des Sokrates berichten unabhängig voneinander seine Schüler Platon (in seiner „Apologie“) und Xenophon. Auffällig, sagt Ferdinand von Schirach, ist es, wie ungeschickt der Philosoph sich vor dem Gericht verteidigt. Er hätte sich auf eine zwei Jahre zuvor, bei Sturz der Aristokratie und dem Sieg der Demokraten, verkündete Amnestie berufen können oder auf die Meinungsfreiheit. Dann hätte er freigesprochen werden müssen. Stattdessen provoziert er das Gericht, das aus 500 Richtern besteht, einer Art Volksversammlung. Schon seit dem Theaterstück „Die Wolke“ von Aristophanes, in dem er als Spottfigur auftaucht, läuft ein „shitstorm“ gegen den Philosophen. Er hatte enge Verbindung zur aristokratischen Partei, die den Demokraten verhasst war. Nach athenischem Recht kann das Gericht entweder dem Antrag der Kläger (Todesstrafe) oder dem Gegenantrag des Angeklagten folgen, ein Drittes gibt es nicht. Sokrates hätte z.B. auf Verbannung plädieren und so die Todesstrafe vermeiden können. Er aber verlangte statt Strafe eine Belohnung.
In der Nacht nach dem Todesurteil sitzt der Philosoph im Kreise seiner Getreuen. Er opfert dem Arzt-Gott Asklepios einen Hahn und trinkt den Giftbecher bis zur Neige. Die Kunst hat diesen Augenblick viele Mal festgehalten. Eine stoische Haltung: Lieber stirbt er, als falsch zu leben. Die Haltung ist mit der Grundfrage nach dem Sinn des Lebens verknüpft und eine moderne Basis für den dichterischen Blick.