Neu im Catch-up Service: Ein politisches Dynamit

Hauptmann Tröbst aus dem Umkreis der deutsch-türkischen Waffenbruderschaft

Aus der engen deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft im und nach dem Ersten Weltkrieg stammen einige abenteuerliche Charakterfiguren. Eine davon ist der Hauptmann Tröbst, von dem Ludendorff aus Anlass des Münchner Putschs von 1933 sagte: „Hauptmann Tröbst kann jederzeit für mich sprechen“.

Berühmt wurde Hauptmann Tröbst durch sein Buch „Soldatenblut“. Er gehört zu den Charakteren, die der Erste Weltkrieg schmiedete, die keinen Putsch, kein rechtsradikales Unternehmen und keinen Rachefeldzug gegen Links verpassen. Er war 1920 beim Kapp-Putsch dabei, einem Staatsstreich des Militärs in Berlin, das die Weimarer Republik übernehmen wollte. Der Putsch scheiterte. Er diente in den Freichors im Baltikum und in der berüchtigten „Eisernen Brigade“, die unter den Bolschewisten Massaker anrichtete. Das hinderte ihn nicht, sich wenig später als Siedler in der Sowjetunion zu bewerben. Meriten errang er erneut im Dienste der türkischen Armee, welche die griechische Armee aus Kleinasien und Thrakien vertrieb. Kurz darauf finden wir ihn im Umkreis der Verschwörer, die Hitlers Putsch von 1923 in München vorbereiten. Er ist am entscheidenden Tag nur deshalb nicht anwesend, weil er für die Machtübernahme nach dem Putsch aus Berlin Ministerkandidaten heranschafft.

Nach allen Seiten politisch stets unkorrekt: Ein politisches Stück Dynamit der 20er Jahre mit Phantasien im Kopf, wie sie die deutsch-türkische Waffenbrüderschaft eingab: Orient pur.

Der Turkologe und Historiker Gerhard Grüßhaber, LMU München, berichtet.

► Ein politisches Dynamit (10 vor 11, Sendung vom 12.12.2016)


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► Das armenische Volk ist uralt

armenierÜber mehrere tausend Jahre kämpft und lebt eine frühe christliche Zivilisation zwischen wechselnden Großmächten im Osten und Westen und verteidigt seine Existenz: Armenien. Das Land, dessen genaue Grenzen wechselten, war bereits der Zankapfel zwischen den Parthern und dem Römischen Reich. Später bedrohen mongolische und islamische Reiche im Osten das Land. Und im 20. Jahrhundert steht die Türkei im Westen des armenischen Kernlandes. Die Massaker der von der damaligen türkischen Führung im Ersten Weltkrieg angestrebten ethnischen Säuberung sind bekannt.

Die kulturellen und zivilisatorischen Wurzeln Armeniens liegen lange vor der christlichen Zeitenwende. Wenig bekannt ist, dass zeitgleich mit der Gründung der ersten europäischen Universitäten um 1180 Wissenschaftszentren und Universitäten in Armenien begründet wurden. Mit den Kreuzzügen sind die Armenier eng verknüpft. In Armenien besteht eine autokephale Kirche und ein armenischer Mönch entwickelt ein eigenes Alphabet für das Land. In den Zeiten des osmanischen Siegs über Ost-Rom und verstärkt seit dem 18. Jahrhundert entstand weltweit eine armenische Diaspora. Aus ihrem Geiste wurde 1918 aus dem Nachlass des osmanischen Reiches eine selbständige Republik begründet und diese nach 1991, dem Zeitpunkt der Auflösung der Sowjetunion, erneuert. Armenien ist heute eine der ethnisch konsolidiertesten Republiken der GUS.

Es berichtet die Privatdozentin Dr. Jasmine Dum-Tragut, die an den geisteswissenschaftlichen und theologischen Fakultäten der Universitäten Graz, Wien, Salzburg und Innsbruck, an der Staatlichen Universität Jerevan und an der LMU München lehrt.


► Immer radikal, niemals konsequent

Bei Ausbruch des ersten Weltkriegs ist Walter Benjamin 22 Jahre alt. Er gehört zu dieser Zeit zu einer der Fraktionen der Jugendbewegung, die einen neuen Menschen ins Auge fasst. In den 30er Jahren arbeitet er eng mit Bert Brecht zusammen. 1940 begeht er, auf der Flucht vor den Häschern des Dritten Reichs, Selbstmord. Sein Werk, das eine stark fragmentarische und zugleich eine Struktur der Zusammenhänge aufweist, gehört zu den Grundfesten der Moderne. Mike Jennings, Princeton University, ist der Biograph Benjamins.

Alle Texte und Werke Benjamins greifen die Dinge an der Wurzel und sind im wörtlichen Sinne des Wortes „radikal“. Niemals beugt sich Benjamin jedoch einem Schema, einer Doktrin, einer bloßen Fortsetzung eines gefundenen Ansatzes aus Verstandesgründen. Vielmehr geht es ihm, sagt er, darum, die in der Ding- und Warenwelt und die in den Phantasmagorien der menschlichen Köpfe verborgenen ungeschriebenen Texte zu lesen. Dazu gehört Offenheit, nicht bloße „Konsequenz“.

Auch in der für die europäische Moderne zeitweise aussichtslosen Situation, als der Faschismus in Europa überall im Vordringen ist, sucht Walter Benjamin – gemeinsam mit Bert Brecht – nach den Elementen eines Neuanfangs. Noch als die deutschen Truppen 1940 schon zu ihrem Sprung nach Paris ansetzen, schreibt Benjamin an seinem Passagenwerk und vor allem an dem Projekt über seine Berliner Kindheit. Er verbindet die Erfahrung eines Erwachsenen mit den stets neugierigen Augen eines Kindes: Ein Fall von „philosophischer Neotenie“.

Ein Blick auf den kreativen und beharrlichen Widerstandsgeist Walter Benjamins.


► Istanbul

Die Auseinandersetzung zwischen der staatlichen Autorität und der Bevölkerung in der 12-Millionen-Stadt Istanbul um den Gezi-Park hat die Weltöffentlichkeit beschäftigt. Istanbul, früher Konstantinopel und Byzanz, ist eine Stadt, deren Geschichte mehr als 2.000 Jahre umfasst. Heute handelt es sich um einen Großraum von 4 Großstädten mit 12 Millionen Einwohnern. Die klassische Altstadt bildet nur einen kleinen Teil. Istanbul liegt in einer für Erdbeben kritischen Zone. Seine Bebauung (und die Einrichtung von Atomkraftwerken in der Nähe) nehmen auf solche Gefahr keine Rücksicht. Es ist aber nicht nur geologisches, sondern auch politisches Erdbebengebiet.

Dieser Ort am Bosporus besitzt eine lautstarke Gegenwart, aber auch eine ungewöhnliche historische Tiefe: überbaute Antike. Vom Mittelpunkt Roms und des Oströmischen Reiches bis zur Eroberung 1453 durch den Osman Mehmet II führt ein langer Weg. Die Auswanderung der byzantinischen Gelehrten hat damals in Italien die Renaissance provoziert.

Prof. em. Dr. Klaus Kreiser, (ehemals Universität Bamberg), Orientalist und Turkologe, ist Spezialist für die Türkei und in besonderem Maße für das metropolitane Dorf und die Weltstadt Istanbul. Niemand berichtet so lebendig wie er über die brisanteGegenwart, ebenso wie über die Vernichtung der Istanbuler Hunde im Jahr 1908 und die Zukunftsperspektive.