Neu im Catch-up-Service: Nachrichten aus dem Buch des Lebens

Karin Mölling über Viren, Tulpen und Paragenetik

Die unmittelbaren Vorfahren der Viren, einfachste Bausteine des Lebens aus RNA, sind fast so alt wie die Erde selbst. Die Geschichte des übrigen Lebens haben die Viren lebhaft begleitet. Karin Mölling, eine der führenden Virologinnen der Welt, erläutert die Existenzweise dieser merkwürdigen Wesen „zwischen lebendig und tot“. Ein großer Teil unserer menschlichen DNA besteht aus „eingefangenen Viren“, die dazu da waren uns gegen fremden Virenbefall zu verteidigen, Grundlage der Immunität. Unsere Viren-Mumien in der DNA sind kampfbereit gegen Viren, die es schon längst nicht mehr gibt.

Auf Viren geht auch die früheste Finanzkatastrophe zurück, die sogenannte Tulpenkrise in London. Viren sind es, deren Wirkung in den Knollen der Tulpen die Vielfalt der Farben und überraschenden Variationen hervorbringt. Auf diese Vielfalt wurde im 17. Jahrhundert an den Börsen Hollands und Englands geboten. Die Tulpomanie hatte den ersten großen Börsencrash zur Folge, als das Tulpenfieber sich legte.

Begegnung mit Karin Mölling. Wie niemand sonst, weiß sie über Viren zu berichten.

► Nachrichten aus dem Buch des Lebens (10 vor 11, Sendung vom 24.10.2016)


Literaturempfehlung

Supermacht des Lebens: Reisen in die erstaunliche Welt der Viren

moelling-buch-reisen-in-die-erstaunliche-welt-der-virenIhre Entwicklung begann vor mehr als 3,5 Milliarden Jahren in der Morgenstunde des Lebens, als es noch nicht einmal Zellen gab. Viren sind, wie Karin Mölling, die große Dame der Virenforschung, zeigt, keineswegs nur Feinde: Sie leisten zu unserer Entwicklung und Gesundheit wesentliche Beiträge. Selbst unser Erbgut besteht zur Hälfte aus – Viren.
Es gibt mehr Viren als Sterne am Himmel und es gibt sie überall. Nicht wenige sind unvorstellbar alt. Die kleinsten Viren sind hundertfach kleiner als Bakterien, die größten, sogenannte Gigaviren, die Forscher kürzlich nach 30000 Jahren im ewigen Frost wieder zum Leben erweckt haben, sind größer als viele Bakterien. Viren kennen nur einen Daseinszweck – sich zu vermehren – und das tun sie auf Kosten anderer. Manche Viren lagern ihr Erbgut im Kern der Wirtszelle ein und verbleiben so ein Leben lang im Körper des betroffenen Menschen.
Pocken, Hepatitis B, Polio, Spanische Grippe, Aids, SARS: Gemeinhin werden Viren als Krankmacher definiert und ihr Verhalten mit Kriegsvokabular beschrieben. Dabei machen die meisten Viren gar nicht krank. Mehr und mehr werden sie sogar zu Heilungszwecken eingesetzt; so finden sie zunehmend bei Antibiotikaresistenz als Bakterienkiller Verwendung. Karin Mölling selbst entdeckte im Rahmen ihrer Aids-Forschung einen Mechanismus, mit dem es gelingen könnte, Krankheitserreger gewissermaßen in den Selbstmord zu treiben.


More Friends Than Foes: Fantastic Stories about Viruses

moelling-buch-virusesInfluenza, AIDS, and Ebola: Viruses are normally defined as pathogens. Most viruses are, however, not enemies or killers. Well-known virologist and cancer researcher Karin Moelling describes surprising insights about a completely new and unexpected world of viruses. Viruses are ubiquitous, in the oceans, our environment, in animals, plants, bacteria, in our body, even in our genomes. They influence our weather, can contribute to control obesity, and can surprisingly be applied against threatening multi-resistant bacteria. The success story of the viruses started more than 3.5 billion years ago in the dawn of life when even cells did not exist. They are the superpower of life. There are more viruses on earth than stars in the sky. Viruses are everywhere. Some of them are incredibly ancient. Many viruses are hundredfold smaller than bacteria, but others are tenfold bigger and they were discovered only recently — the giant viruses, even deep within the permafrost where they were reactivated after 30,000 years.The author talks about a completely new world of viruses, which are based on the most recent, in part her own research results. Could viruses have been our oldest ancestors? Have viruses even ‘invented’ social behavior, do they lead to geniuses such as Mozart or Einstein — or alternatively to cancer? They can help to cure cancer. In this book, the author made a clear distinction between what is fact and what is her vision. This book is written for a general audience and not just for the experts. Its aim is to stimulate thinking, and perhaps to attract more young scientists to enter this field of research.


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► Wer sind eigentlich WIR?

virenAuf unserer Haut, in unserem Darm, tragen wir lebenslänglich Viren umher. Wir schwimmen aber auch äußerlich in einem Ozean von Viren. Diese Partikel, die noch keine Zellen sind, sind unvorstellbar alt und gehören zu jeder Gegenwart. Wir sprechen über diese wilde Gegenwelt immer dann, wenn Viren Krankheiten auslösen. Die überwältigende Mehrheit dieser Mikroorganismen ist aber unschädlich und einige davon sind für das Leben unersetzlich. Stimmt die Vermutung, dass Viren unsere ältesten Vorfahren sind? Die Virologin und Krebsforscherin Prof. Dr. Karin Mölling, Universität Zürich, berichtet Neues und Verblüffendes aus der Erfolgsgeschichte der Viren, die vor 3,5 Milliarden Jahren begann (also recht kurz nach Konsolidierung des Sonnensystems und damit des Erdballs). Hier kann man die Anfänge der Evolution studieren.


► Fünfte Kolonne der Viren

button-fuenfte-kolonne-der-virenViren waren wahrscheinlich die erste Form des Lebens auf der Erde überhaupt, wir sind also deren Nachfahren. Seit Äonen begleiten sie die Entwicklung der Pflanzen, Tiere und von uns Menschen. Sie sind immer schon da: in uns und um uns herum. Es gibt mit Sicherheit einige 10 000 Viren, die dem Menschen gefährlich werden können. Bei der Vogelgrippe, der Schweinegrippe und der Spanischen Influenza zeigen sie sich wandlungsstark und immer erneut gefährlich.

Innerhalb von Minuten können sie nicht nur gemeinsam eine Zelle befallen. Sie können auch – wie Soldaten – ihre je eigenen Waffen austauschen.
Der Mikrobiologe Prof. Dr. Alexander Kekulé über die Fünfte Kolonne der Viren. Sie sind Gegner, die wir nie endgültig besiegen können und zugleich bilden sie unsere ältesten Vorfahren.

Die Fünfte Kolonne nannte man im Spanischen Bürgerkrieg einen Gegner, der schon längst im Inneren der Republik angekommen ist, während man noch glaubte, dass die Kämpfe an der Front stattfinden.


► Supermacht der Viren

supermacht-virenÜber die evolutionäre Rasanz der kleinsten Lebenssplitter: der Viren. Deren Evolution existiert parallel zu derjenigen der Lebewesen, die aus ganzen Zellen bestehen. Zugleich ist verblüffend, wie die Welt der Viren und die der Tiere ineinandergreifen. Viren sind Motoren des Fortschritts, nicht nur Feinde­.


► Bakterien vergessen nichts

bakterien-vergessenMikroben bilden “Gesellschaften”. Sie existieren in Pulks und bilden “Inseln in der Zeit”. So kann uns heute eine solche Gruppierung begegnen, die vor Millionen von Jahren entstand.
Im Jahr 1876 wies Robert Koch die ersten Bakterien nach. Heute weiß man: Es reichen zehn Bakterien aus, um einen menschlichen Organismus umzubringen. Im Gegensatz zu Bakterien können Viren nicht autonom leben. Als Krankheitserreger spielen sie aber eine große Rolle. Mittlerweile wurden sogar Viren entdeckt, die andere Viren befallen.
Prof. Dr. Dr. Jörg Hacker ist Leiter des Robert-Koch-Instituts, das sich für den Fall einer Pandemie zuständig zeichnet.