Neu im Catch-up Service: Treue in total verwanzter Welt

Beethovens Fidelio an der Staatsoper Stuttgart

Beethovens einzige Oper FIDELIO geht auf eine französische Theatervorlage zurück. In dem Theaterstück geht es um ein Ereignis während der Französischen Revolution. Der Anführer einer unterlegenen revolutionären Fraktion wird von seinem Rivalen eingekerkert und soll im Gefängnis ermordet werden. Seine Frau, verkleidet als Mann, befreit ihn im letzten Moment aus seiner Lage.

Ausgehend von der letzten Fassung Beethovens von 1814 hat die Staatsoper Stuttgart Beethovens Originalwerk so stark wie möglich wiederherzustellen versucht. Es kommt dabei zum Vorschein, wie theatergeeignet diese Oper ist. Konsequent werden in Stuttgart die gesprochenen Dialoge ohne unnötige Kürzung mit den Musikszenen integriert. Das ist ein Stilelement der damaligen französischen Oper und man merkt in der Stuttgarter Aufführung, wie wesentlich für Beethoven diese Herkunft ist. Es geht nicht nur dem Inhalt nach, sondern auch in der Form, um eine revolutionäre Befreiungsoper.

Das Drama in Stuttgart spielt sich ab in dem letzten großen Bühnenbild des 2015 verstorbenen Bühnen- und Kostümbildners Bert Neumann. So pur und gleichzeitig substanzstark war diese Oper Beethovens selten zu sehen.

Inszenierung Jossi Wieler und Sergio Morabito. Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling.

► Treue in total verwanzter Welt (News & Stories, Sendung vom 20.04.2016)


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► Beethoven, die Hoffnung und das Böse

beethoven-hoffnungAn der Staatsoper Stuttgart dirigiert Sylvain Cambreling die endgültige Fassung von Beethovens FIDELIO aus dem Jahr 1814. Beethoven hat an seiner einzigen Oper, die er komponierte, viele Jahre gearbeitet. Die verschiedenen Fassungen unterscheiden sich deutlich. Es gibt vier verschiedene Ouvertüren. Gleich in allen Fassungen aber bleibt das Gleichgewicht zwischen gesungenen und gesprochenen Szenen. Diese Dialoge sind wichtig und typisch für den Typ der französischen Oper. Markant die Rolle des Gefängnis-Gouverneurs, einer Gestalt des Bösen. Auf der anderen Seite die legendäre Hoffnungsarie der Leonore. Sie hat sich als Mann verkleidet und ins Revolutionsgefängnis eingeschlichen, um ihren Mann aus dem Kerker zu befreien.

Die Oper ist reich an dramatischen Szenen. Beethoven, der sonst als Meister der „absoluten Musik“ gilt, zeigt sich als Experte der Opernbühne, als Theatertier.

Begegnung mit Sylvain Cambreling.


► Eine Kanone namens Beethoven

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GERMANIA ist eine Kunstfigur aus der Zeit der ersten deutschen Wiedervereinigung nach dem Krieg von 1870/1871 gegen Frankreich. Ursprünglich gab es einmal eine Frau oder Hexe, die dem Römischen Imperator Drusus in der Nähe der Elbe begegnete. Vor Schreck fiel der Römer vom Pferd und seither gibt es keine adäquanten Nachfolger Caesars mehr. Dies ist der Urgrund der GERMANIA, wie sie auf den Briefmarken des Kaiserreiches und auf den Denkmälern abgebildet ist.
Die weibliche Vorkämpferin Frankreichs, MARIANNE, ging aus dem Befreiungskrieg der Revolution hervor. Im hundertjährigen Krieg siegte sie über die Engländer. Nach der großen Französischen Revolution führte sie die Franzosen auf kurze Zeit zur Herrschaft über ganz Europa.

Im Krieg von 1870/71, dessen Folge die Gründung des deutschen Reichs war und die Krise Europas bis 1989, standen sich MARIANNE und GERMANIA konfrontativ gegenüber. Nur noch die Musik verbindet beide Kernländer Europas. Beethoven zum Beispiel wird mit seiner 5. Symphonie, die eine Symphonie der Französischen Revolution ist, in einem Benefiz-Konzert im belagerten Paris aufgeführt. Von dem Erlös der Konzerte wird eine Kanone gegossen. Sie erhält den Namen Beethoven und schießt gegen die Preussen.

Dr. Manfred Osten, Generalsekretär der Alexander von Humboldt Stiftung, spricht über die grotesken Momente im Streit zwischen MARIANNE und GERMANIA, der sich über 2.000 Jahre hinzieht und über die berechtigte Hoffnung auf Eintracht, wie sie sich in einem kurzen Moment in der deutschen Klassik und im Reich Napoleons abzeichnet. Im 21. Jahrhundert werden sich MARIANNE und GERMANIA entweder vertragen oder es wird kein Europa mehr geben.


► Macht Beethovens Musik mutig?

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Schillers “Lied an die Freude”, vertont von Beethoven in seiner 9. Sinfonie, hat die Welt erobert. Beethovens Fassung war die Leitmelodie zur deutschen Wiedervereinigung. Nichts aber übertrifft die Rezeption dieses Musikstücks in Japan. Die Begeisterung geht zurück auf einen Anspruch Bismarcks: “Die 9. Sinfonie ist eine Musik, die mich tapfer macht.”
Deutsche Kriegsgefangene im japanischen Gefangenenlager Bando sangen 1914 die Hymne und berichteten von Bismarcks Worten. Die japanischen Wachoffiziere trugen das Lied nach Japan, wo es heute zu jedem Sylvester 800-mal zum Teil in Form zusammengesetzter Großchöre vorgesungen wird.
Macht Beethovens Musik mutig? Dr. Manfred Osten, ehemals an der deutschen Botschaft in Tokio, berichtet von der Rezeption Beethovens in Japan mit besonderem Hinweis auf den merkwürdigen Urtext von Schillers Dichtung.


► Super Beethoven

beethovenLudwig van Beethoven gilt als bedeutender deutsch-österreichischer Komponist. Manchmal wünscht man sich, es gäbe mehr solche Genies. Jeder Beethoven, den es zusätzlich gibt, vermehrt den Wert Europas. Eine der Kompositionen Beethovens betrifft das Pochen des Schicksals an der Tür.

Helge Schneider als Beethoven.



► Sieger müssen Trauer tragen

sieger-trauerDie Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin nimmt Verdis AIDA beim Wort. In dieser Oper verbindet Verdi zwei äußerst verschiedene Materialien: ein musikalisch präzises und emotional authentisch gestaltetes Beziehungsdrama zwischen den Hauptpersonen Aida, Amneris und Radames mit einer in groben, in plakativen Flächen gezeichneten Festoper zur Eröffnung des Suez-Kanals, einer Staatsaktion, die der Triumphmarsch krönt. Der Regisseur Benedikt von Peter versteht die Zwiegestalt dieser Oper korrekt so, dass Verdi keineswegs für die triumphierende Siegermacht Ägypten Partei ergreift, sondern – im Gegenteil – für die Unterlegenen der Geschichte, die Stimmlosen und die real empfindenden Menschen.

In Benedikt von Peters Inszenierung sitzen die Choristen einzeln verteilt im Zuschauerraum. Sie singen quasi als Individuen gegen das frontale Geschehen auf der Bühne an. In solch filigraner Auflösung in ihre Details wird deutlich,

wie großartig diese wohl populärste Oper Verdis im Einzelnen gearbeitet ist. Anti-imperiale Musik!

Musikalische Leitung: Andrea Battistoni. Eine grandiose stimmliche und schauspielerische Leistung: Tatjana Serjan als Aida.


► Blüh’ im Glanze dieses Glücks

blueh-im-glanzeDas Bühnenbild zeigt ein modernes Nürnberg mit Hochhäusern und Leuchtreklamen. In der Handlung geht es um einen Kunstwettbewerb. Dem Sieger wird am Ende Eva, die Tochter eines der Nürnberger Oligarchen, zufallen. Diese moderne Eva steht als Mittelpunkt in einem Drama zwischen dem erfahrenen älteren Mann Hans Sachs und dem jungen Innovator Walter von Stolzing. Man sieht schwarzrotgoldene Farben. Die Personen ringen um ihr Liebesleben, aber sie begründen auch ein Gemeinwesen, das sie lieben können.

Richard Wagner hatte durchaus die Absicht, mit seinem Werk DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG eine Nationaloper zu schreiben. Gerade weil diese Oper während der Nürnberger Parteitage missbraucht wurde, ist es konsequent , sie heute zum Tag der Deutschen Einheit im Geiste der Revolutionäre von 1848 und vor allem im heute nach Europa orientierten Geiste der Berliner Republik neu zu sortieren. Das ist der Regisseurin Andrea Moses und dem Dirigenten Daniel Barenboim auf erstaunliche Weise an der Staatsoper im Schillertheater in Berlin gelungen. Eine Meisterleistung der Intendanz von Jürgen Flimm.

Gerade auf dem Hintergrund des politischen Integrationsversuchs treten die persönlichen Charaktere von Hans Sachs (er verabschiedet sich von männlicher Größe und Eigensucht), von der selbstbewussten Eva und dem für närrische Aktionen offenen Stolzing in scharfer Kontur hervor. Wagners Häme gegen den Kritiker Beckmesser tritt in den Hintergrund.


► Wie frei ist die Kunst?

frei-kunstDie Absetzung der Mozart-Oper IDOMENEO in der Inszenierung von Hans Neuenfels an der deutschen Oper Berlin wegen eines Sicherheitsrisikos wurde in den in- und ausländischen Medien stark diskutiert. Inzwischen ist beschlossen, die Oper doch aufzuführen. Was sind die Normen, wenn Sicherheitsinteresse und Kunstfreiheit miteinander in Konflikt geraten?

Der Richter am Bundesverfassungsgericht a. D. Prof. Dr. jur. Grimm, Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, über die Tragweite der Öffentlichkeitsgarantie in Artikel 5 des Grundgesetztes und die Kunstfreiheit.

Begegnung mit Prof. Dr. Dieter Grimm.