Zum 90. Geburtstag von Valentin Falin

Verdun
 
Alexander Kluge klAm 3. April hat Valentin Falin 90. Geburtstag. Der Botschafter a.D., enge Berater Gorbatschows und auch früherer russischer Regierungen gehört zu den Architekten eines ausgeglichenen deutsch-russischen Verhältnisses. Die Erfahrungen Falins reichen weit zurück, auch in die Zeit vor 1945, die er als junger Mensch erlebte. Ich fühle mich diesem “Turm in der Schlacht” seit Jahrzehnten verbunden und gratuliere zum Geburtstag.

Alexander Kluge


► Warum der 2. Weltkrieg nicht eher endete

Valentin Falin

Eine nachträgliche Mitteilung von Valentin Falin

Ich spreche als Historiker, sagte Valentin Falin. Ich hatte Gelegenheit, aus bevorzugter Position die Quellen einzusehen. Sie sind auf unserer Seite besonders ergiebig, da unser militärischer Geheimdienst (GRU) bis zum Zusammenbruch des Imperiums als unübertroffen gelten konnte. Was war der Grund, daß Hitler es nicht über sich brachte, der 6. Armee den Ausbruch aus dem Kessel zu befehlen? Er hätte das tun können am 20. Dezember mit Wirkung für den 23.: dann hätte die Spitze des Ausbruchsschlauchs noch die Nachhut der abziehenden 4. Panzerarmee erreicht. Noch besser wäre es gewesen, wenn Hitler diesen Beschluß am 20. oder 21. November gefaßt hätte, bevor der Kessel entstand. Er machte, mit dem Führerzug von Berchtesgaden kommend, im Hauptbahnhof Leipzig Pause, telefonierte mit Wolfsschanze. Man weiß, daß er schwankte. Was führte dazu, daß sein Starrsinn überwog?

Es handelte sich keineswegs um momentanen Starrsinn, antwortet Falin auf seine selbstgestellte Frage. Man muß die Absicht studieren, die dem Vorstoß nach Stalingrad von Anfang an zugrunde liegt. Es handelt sich nicht um Besessenheit, sondern um einen Plan. Dieser Plan, dessen Skizzen uns vorliegen, sah vor, daß die 6. Armee, verstärkt, im Frühjahr 1943 einen Vorstoß nach Nordosten über Saratow in den Rücken von Moskau unternimmt. Dies und nichts anderes ist der Grund, daß so viel schweres Material im Gelände um Stalingrad versammelt war, die Deutschen konnten nicht hoffen, ein zweites Mal eine solche möglicherweise kriegsentscheidende Chance zu erhalten. Dies meint der Hinweis Hitlers, »daß das schwere Material nicht verlorengehen dürfe«. Hitler war flexibel in Fragen der Gegenwart, unerschütterlich in Fragen der Zukunft. Er war kein schneller Mann. Noch immer wollte er (bis Weihnachten 1942) vom Kaukasus nach Persien vorstoßen. Er sah, als magisch begabter Mensch, als Mensch mit FERNBLICK, wie es Stalin einmal bezeichnete (Hitler müßte eine Korrekturbrille tragen, sagte der Generalsekretär), die Panzergrenadiere im »Vordringen auf den Kessel«. Meter um Meter arbeiteten sie sich vom Ufer der Myschkowa in Richtung eines Wüstenschneegeländes vor, das sie von Stalingrad trennte. Hitler, der Magiker, sagte Falin, sah eine »konzentrische Bewegung gut gerüsteter Einheiten«, fliehende Russen, ein Frühjahr, das zunächst Schlamm und später freie Vormarschstraßen bringt. Er sah das durchaus nicht als Pfeile auf Generalstabskarten, sagte Falin, sondern als Landschaft, Wetterwechsel, entbehrungsreiche Strecke, aber immer so, wie man einen Film sieht.

 

► Die verfeindeten Verbündeten

Valentin Falin


5 Tage zuvor

Wintersturm vor Malta. Das Schiff des Präsidenten der UdSSR, ein Zivildampfer namens MAXIM GORKI, liegt angekettet am Kai. Die Blechwände des Schiffes schlagen an die mittelalterliche Steinmauer. In einer Notsituation müßte der Präsident an Land geschafft werden. Der ihn besuchende US-Präsident muß jederzeit die Chance haben, in einer Barkasse auf das US-Kriegsschiff zurücktransportiert zu werden, das ihn beherbergt.
Die Agenten Frankreichs lenkten die Richtstrahler ihrer Elektronik vor allem auf die Assistenten der beiden Herrscher. Auf dieser Ebene suchten sowjetische Aspiranten die Nähe der jungen Zuarbeiter der neuen US-Administration. Am ehesten war hier etwas zu erfahren, was über Höflichkeit und Konversation (Kräftemessen der beiden Hauptverhandler) hinausging. Die französische Elektronik traf in allen Zonen, selbst im Bereich der Küche und der Seenot-Rettungsdienste, auf die Elektronikblocks der Gegenseite. Selten wurde ein Konferenzort so entschieden abgesichert wie dieser, sagt Jean Claude d’Allison. Der Grund dafür, antwortete Antoine Cherubin, liegt darin, daß sie solche Apparaturen in diesen Schiffen im Übermaß haben. Es bedeutet nicht, daß sie etwas Wichtiges beraten.

Einer der französischen Spione befand sich direkt auf der MAXIM GORKI. Auch dort erfuhr er nichts. Er stand, als Fotograf maskiert, nur zwei Meter von Gorbatschow entfernt, näherte sich dem Hauptberater des Präsidenten, Valentin Falin, bis auf einen Meter und blieb in solchen Entfernungen fast 12 Stunden präsent. Er beobachtete Mienenspiel, Körpersprache der Russen und der US-Seite, notierte mit fotografischem Gedächtnis den wankenden Schritt des US-Präsidenten, der soeben in einer Barkasse von seinem Kriegsschiff zum Dampfer übergesetzt war und durch die Flügeltür auf Gorbatschow zueilte. Der sowjetische Staatspräsident taxierte »seinen Gegner« unauffällig. Sie führten Begrüßung und Umarmung protokollarisch korrekt durch. Gorbatschow schien sich ein Verhandlungskonzept zurechtzulegen. Eine Stunde lang redeten sie, ohne Geheimnisse und Interessengegensätze zu berühren.

Die Präsidenten, meldete der französische Spitzenagent, verstehen einander nicht. Sie wollen das Bild »erfolgreicher Kommunikation« vorführen.
Der Dampfer des Präsidenten der UdSSR, wie eine überdimensionale Glocke das Hafenbecken anschlagend, war innen mit Velour, viel Plastik undwertvollen Verkleidungen ausgelegt. Riesige Eßsäle in der Ausstattung des zaristischen St. Petersburg, Kinosäle in der Ausstattung der 30er Jahre. Beide Präsidenten hätten zwei Wochen gebraucht, um auch nur die wichtigsten dieser Räume zu bewohnen, zu nutzen oder kennenzulernen.

 

► Der gefährliche Augenblick

Valentin Falin

 
Augenblicke historischer Erregung ohne subjektiven Beobachter

Sechzehn Wanzen (8 vom KGB und 8 von westlichen Diensten) waren an jenem Sommertag im Vorkaukasus, an dem der russische Präsident und sein Außenminister, der Kanzler der Bundesrepublik, dessen Außenminister sowie der Kanzlerberater Teltschick miteinander über die Zukunft sprachen, Zeugen aus zu großer Ferne. Jeder der Tatzeugen des historischen Moments, außer dem Kanzler, schrieb interne Berichte und später Memoiren. Die Ergebnisse des historischen Kompromisses (oder der sowjetischen Kapitulation) wurden später in Taten umgesetzt (deutsche Wiedervereinigung, Ausdehnung der NATO bis zur Oder, Kreditzusagen), in vielen anderen, wesentlichen Teilen jedoch vergessen. Es war, als gäbe es keine Zeugen.
Ich befragte, sagte Valentin Falin, in der Nacht jenes Tages den Generalsekretär und jeden seiner Assistenten. Sie vermochten das Geschehen nicht wiederzugeben. Wann und mit welchen Worten kam diese »Entscheidung« zustande? War es eine »Nach-Tisch-Entscheidung«? Das Protokoll war nicht zu rekonstruieren.

NZZ: Wie kommt es, daß die Memoiren des deutschen Außenministers so farblos sind? Sie enthalten keine Details. Nichts, was Augen oder Ohren im gegebenen Moment sehen oder hören? Gibt es eine Depravation der Sinne im historischen Augenblick. Augen, die nicht sehen? Er besitzt stark ausgeformte große Ohrmuscheln. Fangen sie nichts?
FALIN: Er nimmt wahr, aber er schreibt nichts davon auf. Er ist an Vertraulichkeit gewöhnt. Also gibt er lieber überhaupt nichts wieder. Bücher schreiben ist ihm fremd.
NZZ: Daher der Beiname Sphinx?
FALIN: Der kommt daher, daß er sich alles merkt. Alle Nebenbemerkungen, Flüsterstimmen. Ein besonders exaktes Gedächtnis. Aber nur zum Sprechen, nicht für Wiedergabe.
NZZ: Für den Verlagslektor, der ihn veranlassen muß, die Seiten zu füllen, eine Qual?
FALIN: Bekanntermaßen.
NZZ: Die Beobachtungen sterben mit ihm?
FALIN: Er sagt nicht einmal zu Vertrauten irgend etwas.
NZZ: Man sagt: Gleich wo er auf Erden ist – er achtet nur auf Nutzen oder Schaden.
FALIN: Man weiß das nicht, weil er schweigt. Ich weiß nicht, ob er die Vögel des Kaukasus gehört hat, das Geräusch des kräftig fließenden Gewässers, an dem die Gastgeber und die Gäste im historischen Moment rasteten. Unsere geheimdienstlichen Anstrengungen in seiner Umgebung blieben stets vergebens.
NZZ: Und der Kanzlerberater?
FALIN: Man sagt: er war sehr aufgeregt.
NZZ: Und der Kanzler?
FALIN: Hat sicher viel wahrgenommen. Er neigt nicht dazu, Wahrgenommenes wiederzugeben, er gibt Erzähltes wieder.
NZZ: Und der Präsident der Sowjetunion a.D.?
FALIN: Schwindelt.
NZZ: Sie, Herr Falin, sind in dieser Sache nicht objektiv.
FALIN: Nein: enttäuscht. Ich habe so viel in diesen Mann investiert! Den »historischen Moment« im Vorkaukasus verstehe ich nicht.
NZZ: Nach dem nächtlichen Telefonat, das Sie mit ihm führten?
FALIN: Er handelte am folgenden Tag wie nach einer Gehirnwäsche.
NZZ: Gibt es so etwas?
FALIN: Wir haben es nicht in Erfahrung gebracht. Die Hirnwäsche funktioniert nur, wenn man die Person zuvor isolieren kann. Bedingung einer Gehirnwäsche ist die Isolation, weil es die Bedingung zur Entrealisierung der Person ist. Nur eine solche ent-realisierte Person (das muß die Seele ergreifen) kann man »im Kopfwaschen« (der russische Ausdruck ist etwas anders als der deutsche).
NZZ: Konnte man durch Zahlen den Generalsekretär oder seinen Außenminister »blenden« oder »lähmen«?
FALIN: Eine solche Methode kenne ich nicht.
NZZ: Rätselhaft.
FALIN: Ja. Schleierhaft.

 

► Ein Königreich für ein Pferd

Valentin Falin

 

Krieg im Kosmos

»Nur ein gemeiner Hund vermag gemein zu spotten über Rußlands Leben.«
Aleksandr A. Blok

In diesem Moment war ich auf unseren Präsidenten stolz, sagte Valentin Falin. Er ließ die Fahrzeuge vorfahren. Unsere Delegation fuhr zum Flughafen. Die Gipfelkonferenz war gescheitert, abgebrochen. Ein Vorfall, den es bis dahin nicht gab.
Die Atmosphäre über Reykjavik war von Tiefs durchzogen, von einer drückenden, kalten, wechselhaften Wetterformation, die uns Russen nicht liegt. Die Verhandlung fand in einer Villa auf einer Halbinsel statt, die sich weit in die Bucht hinausschob. Hier saßen wir einander gegenüber. Die Assistenten in den Nebenräumen lieferten die Vorlagen für die Verhandlung.
Wir waren vorbereitet, sagte Falin. Wir hatten den Eindruck, daß die Gegenseite unvorbereitet, vom Wahlkampf irritiert, nicht auf der Höhe dessen war, worum verhandelt wurde. Wir boten, darin differierte ich vom Präsidenten, zu Land, im Meer und in der Luft eine nachdrückliche Abrüstung an, darunter die Liquidierung der interkontinentalen Waffen, die unsere Stärke ausmachen.
Die US-Delegation begrüßte diesen Vorschlag, wollte aber die FORSCHUNGS- UND ENTWICKLUNGSARBEITEN der Strategischen Verteidigungsinitiative zur Abwehr von Raketenwaffen im Weltraum (SDI) aufrechterhalten.
Wir sprachen darüber in unserem Domizil. Die Hirne vom Wetter wie betäubt, aber, mit viel Tee, doch angeregt. Man sieht das Problem falsch, sagte der Generalsekretär, wenn man nur auf die Technologie blickt. »Star wars« taugt nichts. Gegen Satelliten mit der Möglichkeit, Laserkanonen zu tragen, die in einer Höhe von 10000 km den Erdball umrunden, errichten wir aus Dreck, Sand oder Metall Schleudern, die dort oben auf die technologische Finesse mit ROBUSTHEIT antworten. »Star wars« hat aber noch eine zweite Seite, für die wir bei uns keine Kompensation haben: Der MILITÄRISCH-INDUSTRIELLE KOMPLEX in den USA baut mit Hilfe des SDI-Projekts ingenieursmäßig einen Tunnel, der direkt in die Etats der US-Haushaltspläne hineinführt. DIESE TECHNIK, nicht die technische Fähigkeit, im Weltraum zu agieren, ist die Gefahr. Haushaltspläne marschieren getrennt, schlagen vereint.
Dies war der Moment, sagte Falin, in dem der Präsident mich gewann. Heute ist mein Verhältnis zu Gorbatschow verdorben. In Reykjavik hätte eine sehr schöne Freundschaft daraus werden können. Noch immer bedauere ich, daß ich bei der Verhaftung Gorbatschows als Sekretär des Zentralkomitees nicht eingegriffen habe. Freilich kam ich zu spät. Aber auch mit Verspätung hätte ich die Partei noch zu einer Intervention veranlassen können.