Thema: Napoleon Bonaparte und 200 Jahre Waterloo

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Mit der Schlacht von Waterloo im Jahre 1815 fand vor 200 Jahren die letzte Schlacht des berühmten Feldherren und Kaisers Napoleon Bonaparte statt. Wer ist dieser Mann, der sowohl als Herrscher als auch Schlachtenplaner ganz Europa über ein Jahrzehnt in Atem hielt? Wie sah die Zeit aus, die sowohl seinen Aufstieg als auch seinen Fall begünstigte? War es der Beginn einer heroischen Epoche, in der die Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich geboren wurde? Oder war es eine Zeit der Beschleunigung, die endgültig die Moderne einleitete? War Napoleon ein genialer Feldherr, der in seinen Beutezügen den Glanz antiker Herrscher wieder aufblühen ließ? Oder war er nur ein klein geratener korsischer Feldherr, der in seinen Kriegen einen Josephs-Komplex kompensieren wollte? Und was sagt seine heutige Rezeption über uns aus: Wie denken aktuelle Soziologen, Schauspieler und Regisseure über ihn und über seinen Einfluss auf die europäische Geschichte?

Eine Annäherung in verschiedenen Texten, Bildern, Kurz- und Langfilmen: Von Beiträgen zu Napoleons großen Schlachten, seinen Freunden und Feinden, über Betrachtungen der heroischen und beschleunigten Epoche bis hin zu Auseinandersetzungen mit dem “Weltgeist zu Pferde” durch Stanley Kubrick, Oskar Negt, Peter Berling und Helge Schneider.

Ein Projekt von Alexander Kluge und der dctp.

► Themenschleife: Napoleon Bonaparte (31 Filme)


► Napoleon Bonaparte (Musikmagazin)

napoleon-musikmagazinAlles was er wollte, wollte er mit 100 %iger Gewissheit, sagt man von Napoleon. Er hatte einen Blick von “rasender Kraft, aber eiskalt”. “Er trug das Böse in sich, wie eine Mutter ihr Kind”. “Das letzte große europäischen Phänomen”.

Hegel nennt ihn “den Weltgeist zu Pferde” und “den Mann der 193 Widersprüche”. Sigmund Freud behauptet, Napoleon habe psychisch den Ödipus-Komplex verfehlt und werde dafür vom Josephs-Komplex beherrscht.


Ein Mensch aus Trümmern gegossen

korsika-mon-coeurEr kam von der Peripherie Europas. Ajaccio auf Korsika ist „extended Genua“, von der Seestadt gesehen Provinz. Von Paris betrachtet ist Korsika ein Fremdland.
Auf diesen arbeitssuchenden Immigranten Bonaparte konnten sich die Bürgerkriegsparteien Frankreichs einigen, auf einen der Ihren, aus dem Zentrum des Landes, aus der Gemengelage von Ancien Régime und Revolution gewiß nicht. Der junge Offizier war von bestrickender Intelligenz. Hübsch anzusehen in seiner kleinwüchsigen Gestalt, in der Uniform, welche die Glieder zusammenhält. So beschreibt ihn sein Biograph Friedrich Sieburg, der in den Heroen verliebt war wie in keinen Mann seiner realen Umgebung.
Das Gesicht wie ein Kind, das sein flexibles Hirn, seine noch nicht erwachsene Haut in späteren Jahren lange behalten hat. Ein olivfarben-blasses Antlitz in Kontrast zu den Gesichtern der Kriegsgurgeln, die er kommandierte.

napoleon-zusammenfasserDiese lebendige Erinnerungssäule, sein öffentliches Bild, hätte im Falle seines Glücks, falls er seine Siege überlebt hätte und ein Friedensfürst, DER ERSTE MANN EUROPAS, geworden wäre, die Trajanssäule überstrahlt. Er wäre Idol der bürgerlichen und der bäuerlichen Gesellschaft (Vernichter der alten Welt und des nackten Geldes) gewesen. Ein Modellmensch, in der Kleidung eines Korporals. Oft trat er in anderen einfachen Kleidern auf, in zivil, auch im Kittel eines Landwirts oder Gärtners. Wenn er so eingekleidet einherging, blieb die Uniform stets gegenwärtig. Also ein KALEIDOSKOP-MENSCH, der in einer Arbeitsstunde stets mehreres zugleich vollführte (diktieren, lesen, Anweisungen geben, blicken). Wenn er zu Fuß oder zu Pferde auftrat, begleiteten ihn eine Gruppe aufgeputzter Helfer und die Echos früherer Taten. Ein Mann, in dessen Brust sich Massen von Menschen tummelten; solange sie dort waren, vertrugen diese gegensätzlichen sich untereinander. Ein BÜRGERLICHER SOUVERÄN. Berührend, daß er Mensch und Bürgergott in einem war. Keiner wie Du und Ich, kein steinernes Denkmal, ein Rätsel. Schade, daß die Sphinx zerfiel.

(Alexander Kluge)


► Die Zeitung als “Eisenbahn des Geistes” – Die Welt zu Sylvester 1799/1800

zeitung-1900Der Jahreswechsel von 1799 auf 1800 wurde als Jahrhundertwende empfunden, obwohl offiziell das Jahrhundert erst mit dem Jahr 1801 begann. Sylvester 1799 ist Napoleon erst 6 Wochen im Amt. Von der Klassik in Weimar geht über ganz Europa eine starke Meinungsmacht aus. Industrie und Welthandel blühen. Die Französische Revolution hat die Fantasien der Menschen angestoßen, dass sich die Verhältnisse verändern. Es handelt sich um eine Zeitenwende. Sie ist gekennzeichnet durch Mobilisierung und eine plötzliche Beschleunigung aller Dinge.

Dr. Lothar Müller, Redakteur im Feuilleton der SZ, ist besonderer Experte für diese Zeit. Es entsteht nämlich der Begriff der „Jetztzeit“ und „Aktualität“, sagt er. Den Taktschlag dafür geben die Zeitungen, die die neue Öffentlichkeit prägen. Die Zeitungen, sagt Lothar Müller, entsprechen für den Zeitgeist dem, was wenig später die Eisenbahnen für die Vernetzung sein werden. „Die Zeitung als Eisenbahn des Geistes“.


Am Anfang

Zu Silvester 1799 auf 1800 war Bonaparte gerade sechs Wochen als Erster Konsul im Amt. Im Vorgriff auf seinen Nachruhm, wie mein einen Kredit aufnimmt, hatte eine Öffentlichkeitsmaschine diese einzigartige Erscheinung in ein vorteilhaftes Licht versetzt. Die Phantasien der Lesewelten war schon zuvor erregt worden durch die Italienzüge und das Ägypten-Abenteuer. In der Silvesternacht 1799 feierten die Offiziere der Nil-Armee, die er verlassen hatte, in Alexandria das neue Jahrhundert.
Es gibt kein authentisches Bild des Ersten Konsuls. Das, was David später an Gemälden und Portraits liefert, ist ein Idol, ein Propagandabild nach Bedarf.
Eigentlich entsteht Napoleon in den Köpfen der französischen Bauern, die ihn nicht persönlich kennen und außerdem bei den Lesern in Europa, als Marmorstatue: Das Bild eines klugen, antiken Kindes. „Ein Kind, das wiederkehrt“. Ja, so etwas hat es schon gegeben als Verheißung. Nämlich, daß ein Zeitalter jung anfängt. Die Leute laufen in Massen aus dem Maul des Kronos heraus, an der tödlichen Zahnreihe des Gottes entlang. Ein BERITTENER ENGEL begleitet sie. Das war das KAPITAL BONEPARTES, in Marktpreisen nicht ausdrückbar, das er verspielte.

(Alexander Kluge)


► Napoleons Josephs-Komplex

napoleon-josephEine Truppe jugendlicher Soldaten und Wissenschaftler, hochbegrabt und hochhysterisch, zieht 1798 aus, die Welt zu erobern. Zunächst wird Ägypten besetzt. Ein weiterer Marsch nach Konstantinopel oder Indien ist geplant.

Anführer dieser militärischwissenschaftlichen Truppe ist der junge General Bonaparte, genannt “Weltgeist zu Pferd”. Er gilt als Kampfmaschine der bürgerlichen Intelligenz und des Glaubens an die Machbarkeit. S. Freud hat am Beispiel des Ägyptenfeldzugs diesen Charaktertyp analysiert. Er sagt: Napoleon hat keinen Ödipus-Komplex, sondern einen Josephs-Komplex: Er steht im Wettbewerb mit seinen Brüdern so, wie es der biblische Josephs in Ägypten in der Josephs-Legende erlebt hat.

Die Romanistin Ulrike Sprenger berichtet nach der Quellenlage. Es geht um 1798/99, eine merkwürdige Jahrhundertwende: “In drei Jahren geschieht mehr, als in einem ganzen Jahrhundert…”.


„Hast Du Glück, so kennst Du keine Väter“

Von Bonapartes Vater spricht kaum jemand. Er starb früh an Krebs. Napoleon nennt sich „Sohn des Glücks“. Sein Vater hatte kein Glück.
Seine Mutter Letizia ist allgegenwärtig. Sie hat ihn um 15 Jahre überlebt. Ihr Schatten begleitet ihn, als er zum „Adlerflug“ ansetzt. Das Bild, wie er, ungebrochen, auf seinem weißen Pferd nach seiner Niederlage aus Leipzig davonreitet, der Mitleidlose, erinnert Heiner Müller in seinem „Nachruf auf Napoleon“ an eine ältergewordene Matrone, verheiratet, wie Müller sagt, mit Mr. Glück, der auf und davon ging.

(Alexander Kluge)


► Die heroische Epoche

heroische-epocheEuropa war mehr als 400 Jahre geprägt durch die Rivalität zwischen Deutschland und Frankreich. Heute bildet die Kooperation zwischen diesen beiden Ländern die Zukunftschance für Europa. Einen Höhepunkt hatten die Beziehungen zwischen den beiden Nationen in der heroisch-klassischen Zeit um 1800, sowohl in freundlicher wie in feindlicher Hinsicht. Napoleon, Goethe, Kleist, Kant, setzten die Zeichen.

Der Historiker Prof. Dr. Étienne François, Freie Universität Berlin, berichtet.


Kollateralschäden des Charisma

napoleon-widerspruecheAn jenem schwülen Sommertag, an dem Napoleon an der Spitze seiner gewaltigen Armee den Grenzfluß Njemen überschritt – er verweilte seit dem Morgen hoch zu Pferde auf einem Hügel in Ufernähe und verfolgte die Arbeiten der Pioniere, welche die Brücke vorbereiteten –, suchte ein polnischer Unterführer den Blick des Chefs auf sich zu ziehen, indem er ohne Notwendigkeit seine Reiterschar in die Fluten des Flußes jagte. Er verlor 40 Kavalleristen. Die Leichen trieben flußabwärts. Das war dem Charisma zuzuschreiben, das der Kaiser, ob er wollte oder nicht, nach so vielen heroischen Taten der vergangenen Jahre ausstrahlte und das wie ein Rausch das Bewußtsein der Untergebenen verwirrte. Als er den Schaden sah, den er angerichtet hatte, machte Napoleon den Ansatz, einfach wegzureiten. Er ließ den polnischen Offizier kommen und tadelte ihn. Das sprach sich herum.
Jetzt bestand die Gefahr, daß überhaupt niemand mehr wagemutige Taten begehen würde. Für Kühnheit wäre ja die unsinnige Tat des Polen ein Vorbild gewesen. Den Übergang der Armee über den Fluß hatte sie nicht beschleunigt. Man braucht einen Ingenieur, sagte Napoleon, der den »Glanz des Imperators« zeitweise ausschaltet. Das Unglück lag aber nicht nur in der Einzelheit dieses Tages, sondern auch im ganzen Vorhaben: über Moskau bis Indien vorzustoßen. Dieses verhängnisvolle Projekt stürzte den Kaiser.

(Alexander Kluge)


► Napoleons Außenminister: Charles-Maurice Talleyrand

talleyrandUnter sechs verschiedenen politischen Regimen spielte Charles-Maurice Talleyrand eine führende Rolle. Er was Bischof, Abgesandter der Revolutionsregierung, Außenminister Napoleons und Konkursverwalter des Imperiums nach dessen Sturz, sodann Minister des Königs.

Der Historiker Johannes Willms, Biograf Napoleons, über den geheimnisvollen Mann im Hintergrund der Macht: Talleyrand.



Der Konzentrierer

In Austerlitz täuschte Napoleon einen Rückzug vor und fiel den Alliierten dann in die Flanke, als sie im Tal dahinzogen. Alle Truppenmacht faßte er an einem Punkt zusammen. Die Gegner wurden zerstreut und in die Teiche und Sümpfe getrieben, deren Eisdecke an jenem Dezembertage unzureichend gefroren war. Die Russen marschierten nach schriftlich fixiertem Plan. Napoleon urteilte nach Auge.

In Düsseldorf existiert eine Gaststätte mit Trinkecke. Hier hat Napoleon mit seinen Offizieren zu Mittag gespeist, voller Konzentration seine Befehle diktierend. Weit entfernte Truppenteile gelangten über die Chausseen und durch Waldgebiete an Orte, die zur Umzingelung des Gegners und dessen Kapitulation führten.
In der verdichteten Zeit seiner Karriere befaßte er sich auch mit dem Verkauf einer Kolonie Frankreichs in Amerika. Mit Vorteil für seine Gesamtplanung trennte er sich von Louisiana mit der Hauptstadt New Orleans. Solange er sich auf diese Weise auf das Wesentliche konzentrierte – etwas weggeben, etwas erlangen – hatte er ERFOLG, der ihm, wie ein Magnet Eisenspäne ausrichtet, die Zuarbeit seiner Gefolgschaft garantierte. Nachdem die Gegner gelernt hatten, ihm die Zeit zu zerstückeln (er mußte seine Aufmerksamkeit jetzt auf viele einzelne Angreifer zerfasern, die ihm sogleich wieder auswichen), verlor er seine Konzentration. Nachdem er sich außerdem mit der Übermacht des RAUMES angelegt hatte, verlor er Konzentration und sein Glück.

(Alexander Kluge)


► Napoleon vor Madrid

partisanen-madridNapoleon steht in seinem letzten Glanzjahr vor Madrid. Er verkündet dort die Freiheitsrechte der Französischen Revolution. Die spanische Landbevölkerung antwortet mit Terror und Aufstand. Sie will die fremde Freiheit nicht. Das ist die Geburtstunde des Partisanen.

Die spanischen Empörer, die Napoleon das Fürchten lehrten, sind konservativ. Carl Schmitt nimmt diese Situation Napoleons vor Madrid zum Ausgangspunkt seiner berühmten Analyse des Partisanen. Vieles erinnert an das Problem, in fremden Ländern die Menschenrechte zu propagieren, z.B. heute im Irak.

Oskar Negt berichtet.



► Goethe und Napoleon

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Während des Kongresses von Erfurt im Jahre 1808 befand sich Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht. Fast hätte zu diesem Zeitpunkt ein Gleichgewicht in Europa entstehen können. In dieser besonderen politischen Situation traf der Kaiser den berühmten deutschen Dichter und Geheimrat GOETHE.

Dr. Gustav Seibt, Historiker und Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, über Napoleon, Goethe und den besonderen historischen Moment, in dem sie einander begegneten: Der Mann des Gleichgewichts (homo compemsator) und der geniale Macher (homo faber).


► NAPOLEONS gefährlichster Sieg

gefaehrlichersiegNapoleon gehört zu den charismatischen Anführern, die fast alle Schlachten gewinnen und ihre Kriege am Ende verlieren. Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn finden sich auch die Schlachten von Aspern und Wagram, eine Doppelschlacht. Es geht um den Donauübergang. In der Schlacht von Aspern kommt Napoleon in eine äußerst gefährliche Situation. In der Schlacht von Wagram gelingt ihm der Donauübergang, sein Glück wendet sich. Eine kurze Zeit ist er Diktator Europas.

In Frankreich hat Patrick Ramboud in seinem Roman DIE SCHLACHT die Katastrophe von Aspern beschrieben. Das Buch wurde zu einem verblüffenden Bestseller. Schon Balzac hatte den Plan, einen solchen Roman zu schreiben. Dr. Manfred Osten berichtet.


Schauspieler seiner früheren Tage

hogernapoleonSein „Ich“ hatte ihn bis dahin selten im Stich gelassen. Unbemerkt von ihm selbst war er aber schon seit Winter 1813/14 ein alter Mann. Schon die grandiosen Manöver dieses Winterfeldzugs (mit einer kleinen Armee) waren Theaterveranstaltungen gewesen. Er hatte seine Italienfeldzüge kopiert. Aus der Erinnerung funktionierte das gut, hatte auch Erfolge, weil seine einzelnen Rochaden auf das Wintergelände und die Bewegungen des Gegners nicht paßten und daher unerwartet kamen. Er war müde. Ein Darsteller des jungen Bonaparte. So scharfzüngig stellte es sein Adjutant dar, der 1816 in den Salons von Paris einen bonapartistischen Klüngel anführte und durch seine Kritik die Nähe zu beweisen suchte, die er zum Kaiser einige Wochen lang gehabt hatte. Das aber war nur möglich, wenn er etwas anderes erzählte als die geltungsbedürftigen Obristen, die sich in Anekdoten über die Geistesgegenwart des Kaisers, „bis zuletzt“, überboten.

(Alexander Kluge)


► Napoleon im Winter

napoleon-winterSeine stürmischen Siege und die Sturheit der russischen und preußischen Gegner haben Napoleons Armee von Paris in das abgelegene Ostpreußen geführt. Manfred Osten über das Genie am falschen Ort

Anschließend: Baron Larrey an der Beresina – Das Elend von Napoleons Rückzug im russischen Winter aus der Sicht seines Chefchirurgen.



► Die Völkerschlacht bei Leipzig – Napoleon, Sohn des Glücks, vom Glück verlassen

leipzigRussland, Österreich, Preußen, Schweden und England kämpften als Alliierte gegen Napoleon. Goethe hätte sich ein von Napoleon begründetes Europa, sagt er, gut vorstellen können. Die königlichen und kaiserlichen Monarchen, das Handel treibende England und die preußischen Patrioten, höchst verschiedene Kräfte der anti-französischen Koalition, hatten kein Europa im Sinn. Die Entscheidungsschlacht bei Leipzig, die vom 16. bis 18. Oktober 1813 unter regnerischem Himmel stattfand, entschied gegen Napoleon (bis dahin „Sohn des Glücks“) und vorläufig gegen Europa. Aus dieser Schlacht entstand ein Jahrhundert des Nationalismus.

Hans-Ulrich Thamer, Historiker an der Universität Münster, beschreibt das dramatische Geschehen an den drei Tagen des historischen Ereignisses. Es handelt sich um höchst verschiedenartige Kämpfe, teilweise an getrennten Orten. Die Schlacht bei Leipzig gehört zu den blutigsten Kämpfen der Welt. Sie entglitt teilweise ihren Planern und zeigt das Bild einer Karambolage. Am Ende musste Napoleon fliehen.



WATERLOO

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Am 18. Juni 1815 schlug Kaiser Napoleon bei Waterloo seine letzte Schlacht – vor 200 Jahren. Sie ist sprichwörtlich geworden, wenn es nämlich für die Niederlage eines großen Mannes heißt: „er hat sein Waterloo erlebt“.

Berühmt ist die Rückkehr Napoleons von der Insel Elba, auf die er verbannt war, zu seiner 100-Tage-Herrschaft in Frankreich. Mann nennt diese Zeit seines letzten Erfolges „den Adlerflug“. Noch in der Schlacht von Ligny am 16. Juni schlägt Napoleon die Preußen in die Flucht. Die Schlacht von Waterloo selbst besteht aus 5 Akten. Jeder davon hätte historisch auch einen anderen Ausgang nehmen können. Historiker haben immer wieder die Frage gestellt: hätte Napoleon sich mit seinem „liberalen Empire der 100 Tage“ durchgesetzt, wäre dann damals schon ein Vereinigtes Europa zustande gekommen? Hätten wir dann heute einen Napoleon VIII? Und nie einen Kaiser Wilhelm oder einen Hitler gehabt?


Pause zur falschen Zeit

siegesnacht-belleWann ging der Feldzug seiner Nordarmee für den Kaiser verloren? Am 16. Juni 1815 gelang es ihm, die Preußen in die Flucht zu schlagen. Den Vormittag nach dieser Schlacht aber vertrödelte er mit der Besichtigung des Schlachtfeldes. Er erzählte von früheren Taten. Liederlich lagen seine genialen Fähigkeiten wie unaufgeräumte Kleidungsstücke umher. Adjutanten suchten sie einzusammeln, mahnten, wiesen auf Termine hin. Nein, ihr Herr wollte erst gründlich frühstücken. Er hatte Verdauung gehabt. Das hatte ihn von einer tagelangen Quälerei im Darmtrakt erlöst. Alle warteten, daß der Bonaparte, den sie kannten, aus einem der Waldstücke heraustrete und dieses dicke Faß eines kaiserlichen Körpers übernähme. Sieben Stunden gingen so verloren. Bis zum Ende der Schlacht von Waterloo waren sie nicht einholbar.


Weil die Pferde einer Kanonenbatterie stürzten, konnten die Kutschen des Kaisers nicht weiterfahren

Die preußische Kavallerieeinheit, welche die sechs Kutschen des Kaisers in ihren Besitz brachte (der Kaiser war zu Fuß geflüchtet), packten die Beute, die sie vorfanden, in ihre Satteltaschen. 200 000 Goldmünzen, die Kisten, welche das Geld verwahrten, hatten sie mit den Säbeln aufgeschlagen, Porzellan, zerdeppert schon beim Herausholen aus der Kutsche, Kleidungsstücke, Waschsachen. Die Kavalleristen waren rekrutiert in den Ostgebieten Preußens. Paßte ein kaiserliches Kleidungsstück nicht als Ganzes in das Gepäck eines Reiters, so konnte man es doch zerteilen. Jeder der Kameraden erhielt ein Stück, das er später in seinem Bauerngehöft an die Wand hängen konnte zur Erinnerung an die erfolgreiche Nacht.

(Alexander Kluge)


► Der Chefkoch von Waterloo

chefkoch-waterlooDen ganzen Vormittag hat der Chefkoch der Armee Frankreichs die Siegesmahlzeit vorbereitet. Napoleon verlor die Schlacht. Am Abend übernahmen barbarische Briten und Preußen, ohne Sinn und Verstand für gutes Essen, die Kochstellen. Sie warfen die Delikatessen (Taubenbrüstchen mit Ingwer, Froschschenkel, Pralinés aus Kaninchenkeule) zusammen und machten sie zu Eintopf. Dies, sagt der französische Chefkoch, war die endgültige Niederlage der Grande Nation.

Peter Berling als Chefkoch Napoleons. Dieser war später mit Rossini befreundet und auch mit Baron de Rothschild, dem Londoner Bankier, dem kommerziellen Sieger der Schlacht. Er hatte das Glück, dass ihn eine Brieftaube mit der Nachricht von der Niederlage Napoleons rechtzeitig erreichte. Es war die einzige Taube vor Ort, die der Chefkoch nicht hatte braten lassen.


► Napoleon zum Beispiel weinte, als bei Wagram seine Garde ihren Fluchtweg über die eigenen Blessierten nahm…

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Ritual der Niederlage, neu für den Kaiser

feldzeitung-moniteurDie fliehende Armee sammelte sich vor Philippeville. Das war die Losung. Der Kaiser hatte sich von der Truppe gelöst und beeilte sich, Paris zu erreichen. Er legte eine Mauer an Dekreten und Befehlen zwischen die offensichtliche Niederlage und die Version, die er in der Hauptstadt in Umlauf zu bringen gedachte. Sobald die Schreiber ihn eingeholt hatten, diktierte er im Wagen. Das Ritual einer Niederlage schliff sich ein. Es war, wenn man die Rückzug aus Rußland von 1812 nicht einrechnete (weil nicht Folge einer einzelnen Schlacht), Napoleons dritte Niederlage. Alles andere waren Schlappen oder verlorene Gefechte seiner Untergebenen. In Fontainebleau angekommen, eine Kaskade von Anordnungen für die nächsten Schritte. Dann Ablegen der Kleider. In die Wanne, das Wasser so heiß, daß die Haut sich rötete und daß die Hitze den Schmerz im Magen betäubte, Klopfzeichen des Krebsgeschwürs, daß noch sechs Jahre brauchte zum Durchbruch in den Bauchraum. Ohne Medikament, allein durch die natürlichen „Säfte“, die das Hirn zu seiner eigenen Täuschung produziert (Teil des „Genies“), gelangte er nach einer Viertelstunde Schwitzbad zu einer günstigeren Sicht seiner Lage. Erfrischt traf er die Minister. Noch am späten Nachmittag berief er Carnot und Fouché als verantwortliche Minister. Er ließ die Kammern für den folgenden Tag einberufen. Putsch oder Thronverzicht zugunsten seines Sohnes? Es war schon alles, was er zu tun vermochte, imaginär. Er hatte den Sohn gar nicht zur Verfügung. Der war in österreichischen Händen bei seiner Mutter, der Kaiserin.

(Alexander Kluge)


► Napoleons Fluchtpläne für Amerika und der Kapitän, der ihn dort hinbringen sollte

napoleon-amerikaNach seiner Niederlage bei Waterloo, die den Sturz seines Kaiserreichs bedeutete, hatte Kaiser Napoleon eine Nacht lang den Plan, nach Amerika auszuwandern. Dort wollte er als freier Unternehmer ein zweites Leben beginnen. US-Kapitän Rhett Butler, der ihn in seinem schnellen Kaperschiff durch die britische Blockade gebracht hätte, und der Historiker Johannes Willms berichten: “Ein Haus in New Orleans stand schon für ihn bereit.”



Der sterbende Napoleon, entsetzlich, als habe er noch nie etwas vom Tod gewußt, als erlebe er ihn zum ersten Mal

sterbender-napoleonDas arbeitslose Genie auf St. Helena, aufgedunsen, von den Kindern seiner Bewacher in den letzten Tagen gehänselt, wälzte sich unruhig im Bett. Die Tapete tötete ihn. Später wird man sagen, es sei das Blei beigemisch den Farben der Wandbekleidung, die ihn umgebracht hätte. Arsen wurde festgestellt. Ich glaube eher, daß die Abwechslungslosigkeit dieses zweitklassigen britischen Machwerks, das die Augen des Kaisers irremachte, die Öde, seinen Tod bewirkte.
Man sollte meinen, Napoleon habe den Tod gekannt. Am Lager seines tödlich verwundeten Kameraden Duroc, beide Beine zerschmettert, saß er und harrte die Nach durch aus. Dann, wenn er über das Schlachtfeld von Borodino ritt, sah er nicht die Toten? Am Morgen nach der Schlacht von Ligny hielt er sich zu lange auf. Er prüfte die Zahl der Erschossenen, die der Verwundeten. Vermutlich verlor er zwei Tage später die Schlacht von Waterloo, weil er sich hier versäumte. Ihn kümmerten nicht die Kugeln, die ihn treffen sollten. Das Attentat, das sich auf ihn und seine Kutsche bezog. Das ist das Wesen des Individuums, des Unteilbaren, das es sich für eine eigene Welt hält, durch einen Schutzschirm abgegrenzt gegen die Gefahren. Sie sind so fern wie eine Bühne. Jetzt war ein. Bürgerkrieg zwischen seinen Organen, dem Magen, der Leber, dem Darm ausgebrochen. In gewissen Sinne schlugen sie nicht auf ihn, sondern aufeinander ein. In der tropischen Hitze, der ozeangeschwängerten Schwüle der Insel, verlor dieser Erdengast, dieser Fremde aus Korsika, Stück für Stück die Selbstkontrolle, zerfiel, noch ehe er starb. Von Wert war die Zeugenschaft. Diejenigen, die das Todeslager umstanden, wie Diebe, wie Plünderer auf dem Gefechtsfeld, horteten, memorierten, ihre Eindrücke für eine spätere Publikation, für die REDE VOM GROSSEN TOD. Sie waren darin relativ ungeschult. Sie sahen nicht das Besondere. Sie erwähnten später nicht, wie die Haut im Gesicht des Herrschers einsackte. Sie blickten immer auf die Augen, ob die sich noch einmal öffneten. Luft entwich aus dem überdehnten Bauchraum.


Der Zahn des Kaisers

zahn-napoleonsDer Mund wund, der Mann im Zerfall. Dieser Mensch, der auf St. Helena gefangengehalten wurde, war kein Bonaparte, kein Napoleon mehr. Zu dieser Zeit trug er den linken oberen Eckzahn noch in seinem Mund. Um den Zahn herum blutete das Gewebe. Warum gefiel es keinem Kaperkapitän, ihn von der Tropeninsel abzuholen? Irgendwohin, wo sich der Ehrgeiz regenerieren konnte?
Er hatte diesen Zahn getragen vor Toulon, in Italien, in Ägypten. Die Einzelheiten seines Körpers hatte er kaum beachtet. Sein Sinn war jahrelang nach außen gerichtet. Ihn hatten die Zehennägel, die Halsmuskeln, ja das Herz und die Finger (arbeitsteilig, von ihm kaum gefühlt, wenn sie nicht krank waren) auf den Feldzügen begleitet. Manchmal die eine oder andere Empfindung im heißen Bad oder an anderen Orten der Müdigkeit nach hektischem Tag. Niemals aber hatte er den Zahn beachtet. Zu Zahnschmerzen neigte er nicht.
Ein britischer Arzt entfernte das Stück Körperkalk, zwölf Wochen vor Napoleons Tod, diesen kläglichen Rest, Ebenbild der Vorfahren. Er entfernte diesen Zahn gemeinsam mit zwei anderen. Lange blieb die Wunde offen. Der Wille des früheren Kaisers, auch der Wille seines Körpers, war an Heilung an diesem Orte nicht interessiert.
In einem Etui lagerte der Zahn dann einige Jahre und gelangte mit anderen Teilen des Erbes, das der Kaiser hinterließ, in den Besitz einer italienischen Adelsfamilie bei Neapel. Von einem Nachfolger dieser Familie wurde der Zahn, inzwischen in ein Samtsäckchen gehüllt, zur Auktion bei Sotheby’s freigegeben. Er wurde für 15.000 britische Pfund zugeschlagen. Einem unbekannten Bieter. So ist diese letzte Spur des großen Mannes, einst intim gelagert, aus der Öffentlichkeit verschwunden. Man weiß nicht, wofür sich der Unbekannte, der das Relikt ersteigerte, interessierte.


Plünderung eines Toten

falscher-napoleonDie Stunde nach dem Tod Napoleons auf St. Helena. Tropische Fliegen setzten sich auf sein Gesicht, suchten an den Gliedern nach einem Spalt, in denen sie ihre Eier deponieren könnten. Eine Raubgesellschaft sammelte sich um den Leichnam. Es ging um Andenken, etwas, das man nach Rückkehr in die Zivilisation, in den Salons Frankreichs, vorzeigen konnte. Ja, ich bin dabei gewesen in jener historischen Todesstunde („des Genies“ oder „des Monsters“). Einer der Vertrauten des Kaisers verschaffte sich während der Obduktion das Herz Napoleons. Das mußte er wieder herausgeben. Es wurde in eine Blechdose gelegt und diese wurde verlötet. Der Anatom, Napoleons Leibarzt, sicherte sich ein großes Stück Bauchwand. Das sollte den Beweis bringen für den Krebstod des Kaisers. In präzise Schnitte zerlegt wurde die Beute später der Royal Society in London vorgezeigt. Währenddessen verschwanden Uniformteile, Vasen, Bestecke mit eingraviertem kaiserlichen Wappen.
Die erste Abreise zu Schiff nach Frankreich war in der Woche möglich, die auf Napoleons Tod folgte. Das Haus in Longwood wurde von einem Kordon britischer Infanteristen umgeben, die instruiert waren, keine Personen mit großem Gepäck an diesem Tag aus dem Sterbehaus passieren zu lassen. Selbst durften sie das Grundstück nicht betreten.

(Alexander Kluge)



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Das Glück des dicken Bonaparte

Ein Schauspieler, der von Haus aus ein Kindergesicht und schmale Schultern hat, wird als Napoleon kostümiert, und von Szene zu Szene wird sein Gewand mit mehr Kissen ausgestopft, so daß er dicker und dicker wird. Stets wird er zu einer Waage geführt. Sein Gewicht wird im Moniteur publiziert: »Die Gesundheit des Kaisers war nie besser.« Sobald er in seinem Kostümwanst nicht mehr sitzen kann (und auch kaum zu gehen vermag), tanzen seine Gardesoldaten, die Bärenmützen, im Reigen um ihn herum, wie man es einst zu Revolutionsfesten um die Säule der Freiheit tat. Diese 1968 entworfene Filmsequenz von Stanley Kubrick war als Vorlage gedacht für eine Komposition von John Cage für Kinderpiano. Das sollte bei der Premiere von Kubricks großem Napoleon-Film als Vorfilm dienen.


Entwurf für einen Film von Stanley Kubrick über Napoleon.

kubrickGeplanter Drehbeginn: August 1969

Länge des Films: 180 Minuten. Zu produzierende Länge pro Tag: 1,3 Minuten. Zeitplan für die Dreharbeiten: 150 Tage.

– Schlachten und Märsche: 30 Tage. Jugoslawien.
– Außenaufnahmen: 40 Tage. Jugoslawien.
– Innenaufnahmen: 40 Tage. Italien.
– Loss by travel: 10 Tage.

30 000 Mann. Truppen zu zwei Dollar pro Mann in Rumänien. In Jugoslawien fünf Dollar pro Mann.
Es gab eine New Yorker Firma, die Papierunifrormen herstellte in der Norm Dupont, fireproof, drip-dry, paper fabric. Diese Papieruniformen kosteten zwischen einem und vier Dollar. Angefertigte Kostüme in London und Paris dagegen 200 Dollar.


Ein gemeinsamer Filmplan mit Helmut Dietl

Die innere Bewegung, die in Filmkreisen, bald aber auch in der breiteren Öffentlichkeit den Tod von Helmut Dietl begleitete, der Film- und Fernsehgeschichte schrieb, überdeckt die Brutalität, mit welcher sein letzter Spielfilm publizistisch verrissen wurde. Das geschah in hoher Geschwindigkeit in der Woche, bevor das Publikum in den Kinos den Film überhaupt ansehen und sich ein eigenes Urteil hätte bilden können. Aufgrund der, wie man sagt, „vernichtenden Kritik“ wurden auf die Kinotermine andere Filme gesetzt. Dietl alarmierte, wen an Freunden oder Bekannten erreichen konnte. Mich traf er an in Schloß Elmau. Mit Boten kam zwei Stunden später die DVD. Ich telefonierte alle Adressen ab, die mir einfielen. Wenn es shitstorm gibt, muß es auch Anwälte geben, welche die Verteidigung organisieren.
In diesen Tagen, in denen wir uns gemeinsam bemühten, während der Verleih des Films seinen unternehmerischen Mut schon verloren hatte, belebten wir einen älteren gemeinsamen Plan: eine Wiederaufnahme von Stanley Kubricks Napoleonprojekt von 1968, das der Meister nicht realisieren konnte. In Dietls Wohnung findet sich eine Bibliothek mit Werken von und über Bonaparte. Was interessierte uns beide am Korsen? Wir mögen keine Helden, auch keine autokratischen Herrscher. Beide sind wird Patrioten unseres Zwerchfells, wir haben also nicht die Absicht, den Trauermarsch aus der Eroica auf Filmlänge zu bringen. Der Film, den wir planten, sollte aus 36 Sequenzen bestehen, die eine Hälfte von ihm, die andere Hälfte von mir. Verhandlung mit dem Taschen Verlag erforderlich wegen der Kubrick-Rechte. Dreharbeiten geplant unmittelbar nach Abschluß des Films, den Dietl mit dem österreichischen Regisseur und Performisten Josef Hader verabredet hatte.

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Die elfte Sequenz

Die Regimentskapellen von Waterloo. Sie treffen mit ihren schweren Instrumenten wegen der zermatschten Wege verspätet aus Richtung Ligny ein. Für die dortige Schlacht am 16. Juni 1815 kamen sie zu spät. Es sind drei südfranzösische, zwei bretonische und eine normannische Musiktruppe. Die Schlacht von Waterloo hatte fünf Phasen. Zwischen der zweiten und dritten Phase (die erste und zweite besteht aus hoffnungslosen Frontalangriffe, die scheiterten) eine lange Pause. In ihr beginnen die Kapellen zu üben und dann aufzuspielen. Allmählich trocknet der Boden. Nie wieder hat Frankreichs Erde eine so schön herausgeputzte Armee gesehen wie zu dieser Stunde. Bevor am Horizont die Preußen auftauchten. Die Kesselpauken der Kavallerie und deren Trompeterchor haben sich zu der in der Nähe des Kaisers aufgestellten Reiterei gesellt. Schwerer Regenguß auf Militärinstrumente.
Dietl und ich hatten nicht die Absicht, Statisterie zu filmen. Uns interessierten die Möglichkeiten, wie man im Film Regen inszeniert. Hierfür mietet man eine spezielle Technik. Wir hatten vor, Regengüsse in verschiedenen Momenten der Schlacht in Großaufnahme einzusetzen. Anschließend wollten wir die Mühe zeigen, welche die Herstellung solcher Bilder macht. Besonders geeignet war fürs Auge „Regen auf Papieruniformen“. Die aus Papier geschneiderten Uniformen hielten im Schlachtgetümmel längere Zeit, waren aber durch Wasser fast sofort zerstört, hingen fotografisch interessant an den Körpern. „Wie angeklebt.“ Im Gegensatz zur „Unbeschreibbarkeit einer Schlacht“ war der filmische Einfall gut realisierbar und für den Schnitt ergiebig.

Unwilliger Affe

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Der Affe Bonnie starb kurz nach seiner Rückkehr vom Flug der US-Spacecraft Biosatellite 3. Nach Auskunft des tierärztlichen Betreuers aus Entsetzen über das Erlebte. Die Installation zur Messung der Hirnströme ist operativ mit dem Schädel verschweißt. Wir hätten in dieser Zurichtung, ergänzte der Tierarzt, dieses Geschöpf auch nicht lange am Leben halten können, wenn er nicht von sich aus so rasch gestorben wäre.

Das Filmbild wurde am selben Tag gefertigt, an dem Stanley Kubrick sich entschloß, den Film über Napoleon endgültig abzubrechen.



Glaubenstausch wie man seinen Hut wechselt

napoleon-muehlheimNapoleon veränderte niemals seine Kopfbedeckung. Sein Hut ist bekannt. Auch nachdem sein Gesicht aufgedunsener erschien, blieb es bei dem relativ eng dimensionierten Hut, der sich aus dem eines unteren Truppenführers der Revolutionszeit ableitete.
Caulaincourt gab 1812 den Rat, ein breiterer Hut lasse das Gesicht des Herrschers schmaler, kompakter wirken. Nein, der Kaiser war zu keinem Wechsel bereit. Vermutlich aus Aberglauben, nämlich in der Annahme, daß die Beibehaltung der Aufmachung, in der er schon Glück gehabt hatte, ihm Attraktor wäre für weiteres Glück. Dagegen war er lax in Fragen der Religion. Als der Zug nach Indien noch geplant war (von Ägypten und dem Sinai aus) prüfte er den Übertritt zum Islam, wenn das die Vertrauensbasis im bereits besetzten Orient stärken konnte. Vorzuziehen wäre, äußerte er zu General Kléber, eine doppelte Religionszugehörigkeit, additive Religion im Sinne der Aufklärung. Dann wäre bei Indiens Besetzung die weitere Aufgabe lösbar, inwieweit er buddhistische oder hinduistische Attribute annehmen solle. Die Sache erledigte sich dann durch die Katastrophe, welche die französische Flotte bei Abukir erlebte, was einen Daueraufenthalt in Ägypten ebenso ausschloß wie den Weiterzug auf den Spuren Alexanders des Großen.

Im Gegensatz zu Alexander dem Großen

adieu-bonaparteIn einer Grübelnacht in Tilsit. Er will nichts falsch machen. Er glaubt, daß der Zar von ihm gewonnen ist. Zwölfmal prüft er das, weil es ihm wichtig ist. Allerdings nutzt Prüfung allein nichts. Er könnte den Zaren, falls der ihn täuscht und er ihn nicht gewonnen hat, ja nicht ersetzen. Dann prüft er eben etwas anderes, was er tun kann. Inständigkeit und Leichtsinn wechseln einander ab, wenn er nächtlich mit sich selbst debattiert.
Was besaß Alexander der Große, und ich habe es nicht? Wenn ihm die Mutter, Letizia, über die Schulter blickt (und das kann er sich jederzeit illusionieren), wird er zum Realisten. Ihm fehlen die Gefährten. Es ist kein Jünglingsbund um ihn her wie um Alexander von Mazedonien.
Alexander ist am Indus nicht am Ziel. Schon jetzt macht sich der Napoleon Sorgen, wie er bei der Eroberung Indiens (Seite an Seite mit den Truppen des Zaren) die Verkehrswege über den Kaukasus organisiert. Oder wäre es besser, auf der östlichen Seite des Kaspischen Meeres zu marschieren? Er hat zwei Eskadronen leichter Reiterei nach Teheran vorausgeschickt. Er ist unentschieden. Er kann sich den Orbis, um den es für ihn bei der Welteroberung geht, nicht konkret vorstellen. Weite Gebiete kennt er ja nur von der Landkarte. Er denkt, daß ihm die Einfachheit in Alexanders Kopf fehlt. Das kann ihm zum Verhängnis werden.
Was ist der Unterschied zwischen Olympia, der Mutter Alexanders, und Letizia, des Kaisers Mutter? Das elende Ende von Alexanders Mutter (sie wird, kaum ist er tot, von einem seiner Statthalter umgebracht) erschreckt ihn. Er glaubt nicht, daß Letizia ähnliches passieren kann, weil er sie ja schützt, nicht bereit ist so früh zu sterben wie Alexander und nicht von einem Gott gezeugt ist, sondern von seinem magenkranken Vater. So glücklich wie Alexander, denkt er, auch weil die Nacht ihn depressiv macht, bin ich nicht. Der Zar ist ein Schauspieler. Man muß Vorsicht üben.

(Alexander Kluge)




► Trotz allem Napoleon…

trotzallem