Neu in unserer Nachrichtenwerkstatt: Schloss Elmau und die sieben Riesen – Ein Beitrag zum G7-Gipfel

Alexander Kluge, Schriftsteller und Filmemacher, Muenchen hier in Berlin, 29.7.2010 Alexander Kluge, writer and film-maker, Munich, here in Berlin Suhrkamp Verlag, Fernsehproduzent, Fernsehen, TV, DCTP

Gruß nach Elmau!

»In Nepal, also im Land der Gipfel und der Sherpas, hat sich gezeigt, wie unsicher der Erdboden in unserer Welt und wie wenig knautschfest die höchsten Gipfel sind. Da tut es gut Helge Schneider zuzusehen, wie man einen G7- oder G8-Gipfel wirksam schützt und wie es möglich ist „eine Zigarette anzuzünden in dünner Luft“.«

Alexander Kluge

 

 Drei Filme mit Helge Schneider und fünf Geschichten von Alexander Kluge

 

Morgendliche Entscheidung eines US-Präsidenten in 20 Minuten

In einem Zeitraum von etwa 20 Minuten mußte der Präsident der USA zwischen sieben Optionen, modifiziert durch mündliche Vorträge in der Konferenz, in Echtzeit entscheiden, ob und in welchem Ausmaß (vor allem an welche einzelnen Organisationen der bewaffneten Opposition in Syrien) leichte Waffen geliefert werden sollten. Vier Assistenten wachten, wie Schutzengel, über seine Papiere und das, was er sagte. Der Präsident sollte nichts Übereiltes und auch nichts Falsches tun. Aber die Helfer konnten zu ihm auch nicht sagen: Mister President, im Augenblick wirken Sie konfus, bleiben Sie ruhiger, Ihre Hand zittert ja. Oder: Überlegen Sie bitte zweimal. Es wäre ja auch in den 20 Minuten (geteilt in Minuten und Sekunden für die einzelnen Fragmente, aus denen sich die »Entscheidung« zusammensetzt) keine Zeit für mehrmaliges Prüfen gewesen. Nach der 20. Minute, also nach Protokollierung des Beschlusses, ist im nahöstlichen Raum entweder eine Eskalation eingeleitet, oder die begrenzte Waffenlieferung wirkt sich als Deeskalation aus. Was hier geschehen ist, kann man erst Jahre später beurteilen. Im Falle einer Eskalationsspirale können die Folgen der morgendlichen Entscheidung des Präsidenten sich auf einen Zeitraum von zehn Jahren oder mehr auswirken oder überhaupt irreversibel sein.

 

gruß_elmauTexte und Bilder zum Gipfel in Elmau!

Mit Helge Schneider

 

 

 

 

 

Blitzbesuch des US-Präsidenten nach Berlin vor einigen Jahren

Wir Sicherheitsbeauftragte des Landes Berlin werden froh sein, wenn der Präsident wieder in sein Flugzeug verfrachtet ist. Die Redezeit, denke ich mir, geht ab von der Zeit, die zur Lösung der Weltprobleme, zur Minensuche und Entschärfung der Konflikte, die dem Präsidenten der Führungsmacht obliegt, notwendig ist. Rechnet man alle Unterbrechungen der Amtsperiode eines US-Präsidenten zusammen, wie sie diesem Abstecher vom G8-Gipfel in Irland in die deutsche Hauptstadt entsprechen, erweist sich die Amtsperiode eines US-Präsidenten als zu kurz für seine Aufgabe.

 

abschreckerDer G8-Gipfel in Heiligendamm stellte die Sicherheitskräfte vor extreme Herausforderungen. Besondere Gefahren drohten von der Seeseite her.
Hans-Erich Bügelsack (Helge Schneider), Kampfschimmer vor Heiligendamm, berichtet aus der Praxis. Ein Blick auf die Arbeit der Sicherheitsdienste unter Wasser.

 

 

Die Sicherheit des Präsidenten
Die »Schwarze Hand« von 1914 hätte gegen den Präsidenten der USA keine Chance

Die Anfahrt der Kolonne des US-Präsidenten erfolgte aus Sicherheitsgründen auf Umwegen. Die Sonne drückte gewaltig auf die ungeschützt plazierten Gäste, die ohne Jacketts auf den Tribünen plaziert waren, und auf die dicke schußfeste Glasscheibe, hinter der Präsident Obama seine Ansprache hielt. In seinem Rücken 600 Meter bewachte, abgesperrte Fläche hinter dem Brandenburger Tor. Keiner der Anwesenden konnte sich dieses historische Baudenkmal noch in dem Zustand vorstellen, in dem es sich im April 1945 befunden hatte.
Die Sorge um die Sicherheit des Präsidenten liegt, was Nah- und Fernsicherung betrifft, bei seinem eigenen Sicherheitspersonal. Nur ergänzend und im weiteren Umkreis treten die deutschen Sicherungsmaßnahmen hinzu. Ein Attentat auf den Präsidenten, so wie eine Verschwörung den österreichischen Thronfolger in Sarajewo tötete, könnte einen Weltkrieg aber nur dann auslösen, wenn als Absender des Geschehens eine Großmacht überführt werden würde.

 

Neugier ist mein Beruf
Als Arbeitszeitmesser auf einer Internationalen Sicherheitskonferenz

In den Räumen des Münchner Fünf-Sterne-Hotels, dessen Repräsentationsräume noch mit den Rundbögen und bauschigen Vorhängen des deutschen Spielfilms der frühen 60er Jahre ausgestattet sind, spanische Gitter gliedern die Perspektive, zeigt ein Gesumm der Stimmen Vielsprachigkeit, lebhaften, hochkarätigen Intelligenzeinsatz. Es gibt keine Intelligenzarbeit ohne Druck. Der Druck besteht darin, daß in wenigen Stunden die Lobbyisten die hilfsbereiten Gehirne der Entscheidungsträger neu laden müssen, neu im Verhältnis zur Situation, angesichts der Wendung in allen Positionen der US-Strategie, die mit der neuen Administration von Präsident Bush verknüpft sind. Dies ist der wesentliche Grund für das hochtourige Gesprächsgeräusch in Höhe der Kronleuchter, kaffeegestützt.
Zeit ist kostbar. Ein Vizeadmiral a. D. der Bundeswehr, Lobbyist eines Rüstungsunternehmens, ehemals Planungschef, bekannter Militär-Schriftsteller, besaß noch einen Zeitrest, weil er die wesentlichen Gespräche schon am Vorabend absolviert hatte. Was sollte ihn für ein kritisches Gespräch gewinnen? Was heißt überhaupt – von ihm aus gesehen, der Worte und Gedanken nicht verschwendet – Kritik? Kritisch wäre es, einem Entscheidungsträger etwas zu sagen, was später nicht eintritt. Nicht nur kritisch, sondern verderblich wäre, irgendetwas Falsches zu sagen und so Zuverlässigkeiten, d. h. Vertrauensverhältnisse, zu vernichten. Einer trägt des anderen Last, also ist jeder Schritt, der Vertrauensbeziehungen verstärkt, in diesem Kreis ein Fortschritt.
Ich selbst, der dies hier beschreibt, gehöre, wie gesagt, zur Zunft der Arbeitszeitmesser. Ich bin als Kontaktmann von meinem Autokonzern ausgeliehen an die Stiftung, die diese Veranstaltung organisiert. Ich kann, meinem Nervenkostüm nach, nicht aus meiner Haut. Mein Charakter, wie ein Fingerabdruck unverwechselbar, zwingt mich, als Kontroller tätig zu werden.

 

hokkaidoHelge Schneider als Experte auf dem G8-Wirtschaftsgipfel in Hokkaido.

 

 

 

 

 

Das Messer des Clausewitz

Im Kriege, heißt es bei Carl von Clausewitz, seien die persönlichen Kräfte der Menschen (Mut, Motiv, Irrtumsanfälligkeit, Beharrlichkeit) wie die KLINGE eines Messers, die sachlichen Mittel dagegen (Waffen, Munition, Material, Fortbewegungsmittel), was das metaphorische Kriegsmesser betrifft, das HEFT oder der Griff.
In einer Ecke des Teesalons hatte sich eine Gruppe von Offizieren verschiedener Nationen zurückgezogen und erörterte die bevorstehende Transformations-Debatte in der Nato. Die Auseinandersetzung über DAS MESSER DES CLAUSEWITZ war Bestandteil dieser Debatte.
Wenn über mehr als hundert Jahre menschlicher Erfindungsgeist, also subjektive Kräfte, in »intelligente Waffen« eingebaut werden, ändert sich dann das Verhältnis von KLINGE und HEFT? Werden die persönlichen Kräfte (Gehorsam, Fußtätigkeit einfacher Soldaten, Wartezeiten im Krieg, Zustimmung der Bevölkerung bei Wahlen) zum HEFT, die Waffen dagegen, wie von Geistern belebt, zur KLINGE?
Hätte es denn Folgen, wenn die Waffen, die Materialien zur KLINGE werden? Natürlich, antwortete der französische General, der derzeit in Afrika kommandierte. Wir müssen dann der KLINGE nachrennen. Die KLINGE hat rascher einen Konflikt eröffnet und entschieden, ergänzte ein Oberst aus Schweden, als wir überhaupt feststellen könnten, daß wir uns in einem neuen Krieg befinden. Die Bemerkung wurde allgemein für witzig gehalten.

 

»If it is performed, it is art /
If not, it’s no art«
John Cage