Krieg ist ein Meister der Paradoxien (27.07.2014, 0:30 Uhr bei News & Stories auf SAT1)

Herfried Münkler über den Großen Krieg 1914-1918

Es werden Pläne gemacht, etwas ganz Anderes kommt heraus als beabsichtigt. Oft ist es das Gegenteil der Absicht. Diese Paradoxie gehört zu den Haupteigenschaften eines jeden Kriegs, ganz besonders herrscht Paradoxie im Großen Krieg 1914-1918.

Das Standardwerk über den Ersten Weltkrieg, das Herfried Münkler schrieb, mit dem Titel DER GROSSE KRIEG, zeigt bestürzend aktuelle Zusammenhänge. Die Erfindung des Giftgaseinsatzes, eine der „Errungenschaften“ des Großen Kriegs, reicht bis zu Assads Giftgas in Syrien 2013. Das Problem Deutschlands und Österreich-Ungarns war das einer Mittelmacht. Je mächtiger sie ist (und das gilt wirtschaftlich und militärisch für das 1871 gegründete Deutsche Reich) desto mehr bringt sie alle umgebenden Mächte gegen sich auf. Sie isoliert sich und „wird eingekreist“ durch die eigene Wucht, nicht bloß durch die Absichten der Anderen. Dies, sagt Herfried Münkler, ist heute das Problem des aufstrebenden Chinas. Je mächtiger es in Erscheinung tritt, desto intensiver bildet sich dort im Umkreis die Gruppe der verbündeten Gegner, die Anschluss an die U.S.A. suchen.

Geschichte wiederholt sich nicht, so Münkler, aber Konstellationen und Strukturen kehren überraschend wieder. Die Gegenwehr Russlands gegen „Interventionen raumfremder Mächte“ in der Ukraine (als die Russland die EU, die NATO und die U.S.A. auffasst) erinnert den Historiker an die Monroe-Doktrin im 19. Jahrhundert, also die Abwehr, welche die Vereinigten Staaten gegen die europäischen Interventionen in der Nähe ihres Kontinents übten.

In dieser Hinsicht unterscheidet Münkler strategisches Lernen vom systemischen Lernen. Deutschland hat aus dem Ersten Weltkrieg nur eine Verbesserung seiner militärischen Beweglichkeit gelernt und die daraus im Zweiten Weltkrieg folgende Aggression bitter büßen müssen. Solches Lernen genügt nicht. Systemisches Lernen zeigt sich im Wiederaufbau nach 1949. Eine neue Realität wird angewählt und nicht an einer älteren neu gebastelt.

Herfried Münklers Darstellung des Großen Krieg ist reich an Erfahrung und aktuellem Bezug.

 

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erster_weltkrieg_bühneDer Weltenbrand, der sich im Jahr 2014 zum 100. Mal jährt, wurde anfangs von vielen Dichtern begrüßt. Später wurde er zum Thema intensivster Gedankenarbeit.

Arthur Schnitzler schrieb ein bewegendes Drama, in dem es um eine Liebesgeschichte geht. Das Liebespaar stirbt am 1. August 1914 an einem irischen Strand durch Selbstmord. Kein Wort von den Massakern des Kriegs, aber Zerstörung in der Liebe. Der Roman DER MANN OHNE EIGENSCHAFTEN von Robert Musil, wahrlich ein Welttheater, beginnt an einem Augusttag ein Jahr vor Ausbruch des Krieges. Die Erfahrung des Weltkriegs, in der Robert Musil als Österreich-ungarischer Offizier diente, ist der Subtext des gesamten Romans. Erwin Piscator und seine revolutionäre Bühne empfing nach 1918 ihren Impuls aus dem Weltkrieg.